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Behind Green Eyes


21.
The best things in life are no things.

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behindgreeneyes1
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- Januar 2018
0.
   07.01.2018 22:03


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 Betreff des Beitrags: 0.
permanenter LinkVerfasst: 07.01.2018 22:03 
Ich habe hier schon mal vor Jahren Tagebuch geschrieben. Als ich so 14, 15 war, mitten in der Pubert├Ąt, untergewichtig, Au├čenseiterin in der Schule, gemobbt, kein Selbstbewusstsein, unzufrieden sowohl mit Optik als auch Charakter. Mittlerweile bin ich 21, hab einen l├Ąngeren Auslandsaufenthalt hinter mir und Rucksackreisen nach Asien, Afrika und Zentralamerika, stecke mitten im Studium, komme damit klar, dass ich nicht girly genug bin, um von den Tussen, die ich fr├╝her so beneidet habe, akzeptiert zu werden und auch nicht akzeptiert werden will, durfte die geilste Band auf Erden (Green Day) live sehen und mache mittels Sport, Tattoos, knallroten Haaren und Klamotten im Grunge-/Punkstyle genug aus mir, um mich in meinem K├Ârper wohlzuf├╝hlen, hatte schon mehrere sexuelle Erfahrungen mit mehreren M├Ąnnern, und eine Liebe erleben, die so tief, besonders, sch├Ân, sexy, aufregend und gleichzeitig schmerzhaft ist wie kaum etwas anderes, und um die es in den folgenden Eintr├Ągen auch gehen wird. Jo, grunds├Ątzlich k├Ânnte man meinen, die Bitch hat sich gemacht. Hab ich auch einige Zeit gedacht. Doch jetzt wurde ich wieder in ein Loch zur├╝ckgesto├čen, in dem ich mich wieder so sch├Ąbig und psychisch am Ende vorfinde wie einst in meinen Jahren in der Mittelstufe, wenn nicht noch schlimmer, da nun auch Suizidgedanken dazukommen, von denen ich nicht wei├č, ob ich sie bewusst oder unbewusst produziere. Seit November gehe ich zum Psychotherapeuten, da der aber permanent ausgebucht ist, bekomm ich dort nur einmal pro Monat einen Termin. Keine Ahnung, ob diese niedrige Behandlungsfrequenz etwas bringen wird. Eine sehr gute Freundin hat mir empfohlen, zus├Ątzlich wieder mit dem Tagebuch f├╝hren anzufangen, deswegen kehre ich wieder hierher zur├╝ck.

So, jetzt fragt man sich nat├╝rlich, warum so ein junges M├Ądchen, dass schon so viele tolle Dinge erleben durfte, einen Psychotherapeuten braucht und dar├╝ber nachdenkt, sich das Leben zu nehmen. Grund ist oben bereits erw├Ąhnte Liebe. Ich wei├č jetzt nicht, ob ich heute schon alles auf einmal aufschreiben werde, ich lass mich jetzt mal von meinen Gedanken und Limp Bizkit im Ohr tragen und warte ab, wohin mich das f├╝hrt.

Alles fing mit dem Novarock Festival 2017 an. Meine beste Freundin, mein Bruder und ich hatten Tageskarten f├╝r Samstag, den 17.06. erstanden, weil an diesem Tag Green Day spielen w├╝rde und ich schon seit ich 12 bin darauf warte, Billy Joe Armstrong, Tr├ęs Cool und Mike Dirnt live zu sehen. Ich verehre diese drei Jungs absolut, weil die meinen Musikgeschmack nachhaltig beeinflusst haben, seitdem ich in der 6. Klasse zum ersten Mal "American Idiot" durchgeh├Ârt habe, und mich durch meine komplette Pubert├Ąt immerzu begleitet haben, egal ob's mir gut oder beschissen ging, und das auch heute noch tun. Jedenfalls war ich vor der Show unglaublich nerv├Âs und dr├Ąngte alle dazu, sich vier Stunden vor dem Auftritt einen guten Platz in den allerersten Reihen zu reservieren, was wir auch taten. Und dann geschah die Magie: Nach Rancid l├Ąsterte ich mit A. (meine beste Freundin) ├╝ber einen Eisverk├Ąufer ab, der bei Wind und gef├╝hlten 15 Grad Au├čentemperatur tats├Ąchlich Schleckeis verkaufen wollte. Diese Unterhaltung veranlasste einen Typen mit Bart, Lederhose und Tattoos sich zu uns umzudrehen und ein Gespr├Ąch mit uns anzufangen, da er unseren bayerischen Dialekt aufgeschnappt hatte und sich freute, Leute aus seiner Heimat anzutreffen. Ich sah ihn und dachte mir "Irgendwas an diesem Kerl ist so anders, aber ich wei├č nicht genau, was". Wir hatten ein tolles Gespr├Ąch, seine Lieblingsband war ebenfalls Green Day und wir blieben zusammen, bis Green Day zu spielen begann. Er erz├Ąhlte uns, dass er 16 sei, und ich, damals 20, dachte mir "Oh Schei├če, dieser Typ gef├Ąllt mir auf Anhieb extrem gut und jetzt behauptet er, so jung zu sein, obwohl er aussieht und redet wie Anfang 20... Aber irgendwas ist da"Die Show war nat├╝rlich eine absolute Ekstase, sowohl f├╝r mich als auch den Rest des Mobs, der total eskalierte. Der bis dato unbekannte Junge und ich wurden dadurch von M. (mein Bruder) und A. getrennt, aber wir beschlossen, den Rest des Auftritts zusammen zu verbringen, ohne auch nur dar├╝ber zu reden. Wir kamen uns immer n├Ąher, tanzten, er nahm mich irgendwann in die Arme. Es stimmte einfach, und ich blendete die vier Jahre Altersunterschied zwischen mir und ihm einfach aus. Irgendwann fanden A. und M. uns wieder, A. und ich gingen zur├╝ck zum Auto, und er, der sich als F. vorstellte, begleitete uns. Wir hielten die ganze Zeit H├Ąndchen und redeten und redeten und redeten. Wir tauschten Nummern, einen Tag sp├Ąter meldete er sich. Wir schrieben, unsere Nachrichten wurden zu minutenlangen Audios, wir beschlossen, ein Date in der Stadt, in der ich studiere zu haben. Den Altersunterschied vergas ich mehr und mehr, noch nie hatte mich ein Mann so tief in meinem Inneren ber├╝hrt und mich so intensive und tiefe Gef├╝hle erleben lassen. Wir waren sofort ein Paar, er erlebte mit mir alle seine ersten Male. Den ersten Kuss mitten in der Nacht im Gras vor dem Plattenbau, in dem ich mit meiner WG lebe. Gleich darauf die erste Nacht gemeinsam in einem Bett, das gemeinsame Einschlafen und Aufwachen in den Armen des Anderen. Seine Unschuld und Unerfahrenheit ber├╝hrten und erregten mich gleicherma├čen ungemein. Ich lernte rasend schnell seine Familie kennen, wir telefonierten fast jeden Tag. Wir trafen uns abwechselnd bei ihm und bei mir in der WG, es war absolut perfekt. Wir trugen einander auf H├Ąnden und konnten nicht genug voneinander bekommen, wir merkten, wie besonders diese Liebe ist. Als er mir sagte, dass er mich liebte, explodierte ich vor Gl├╝ck. Noch nie zuvor hatte jemand diese drei magischen W├Ârter zu mir gesagt. Beim dritten Treffen hatten wir zum ersten Mal Sex, f├╝r ihn war es der erste Sex ├╝berhaupt, f├╝r mich das erste Mal mit einem Menschen, von dem ich wusste, dass er mich tief und aufrichtig liebte, nicht nur wegen meines K├Ârpers oder sonst irgendwelchen ├äu├čerlichkeiten. Es war langsam, vorsichtig, liebevoll, bei den darauffolgenden Malen in derselben Nacht wurde die Sache zunehmend hei├čer und war von einer mir bis dato unbekannten Spannung und Leidenschaft erf├╝llt. Wir redeten die halbe Nacht, nackt in meinem Bett liegend, ich sah in seine wundersch├Ânen, blassblauen Augen, er in meine gr├╝nbraunen, meine Hand in seinem Haar vergraben, seine an meinen H├╝ften, und ich weinte, weil ich so gl├╝cklich war wie noch nie. In mir l├Âsten sich Blockaden und Spannungen auf, die vorherige Freunde und Liebhaber und ich selbst in mir erschaffen hatten. Ich sp├╝rte, dass ich eine verwandte Seele getroffen hatte, und er sp├╝rte es auch.

In den darauffolgenden Wochen starb seine Tante an Krebs, sie war schon lange in schlechter Verfassung gewesen. F. hatte vor zwei, drei Jahren mal an Depressionen gelitten, ich f├╝rchtete, dass er wieder in diese Spirale abrutschen w├╝rde, doch das geschah nicht. Nach ihrer Beerdigung fuhr er direkt zu mir und wir verbrachten ein wundersch├Ânes Wochenende miteinander. Er meinte, solange wir beide zusammen w├Ąren, w├╝rden wir alles, wirklich alles schaffen. Und ich glaubte das auch.

Nicht einmal einen Monat nach dem Tod seiner Tante starb seine beste Freundin, die eine zentrale Rolle dabei gespielt hatte, ihm aus seiner Depression vor zwei, drei Jahren rauszuhelfen. Sie wurde von einem die B├Âschung herabst├╝rzendem Auto erschlagen. Wir standen beide unter Schock, er nat├╝rlich noch mehr als ich, ich hatte leider nie die Chance, sie kennenzulernen, da der Unfall 6 Wochen nach dem Green Day Auftritt im Novarock passierte. F. st├╝rzte in ein Loch. Ich war f├╝r ihn da, ich glaubte an ihn und daran, dass er rausfinden w├╝rde. Unsere Liebe wurde in diesen ersten Tagen nach dem Unfall nochmal intensiver. Ich schrieb meine letzte Klausur an der Uni, und von da an war ich fast jede Nacht bei ihm. Wir redeten oft bis 6 Uhr morgens, h├Ârten gemeinsam Musik, liebten uns, schliefen aneinandergeschmiegt ein. Dieser Moment, wenn ich ihn von hinten in die Arme nehme, wir einander gute Nacht sagen, ich dr├╝cke ihm einen Kuss auf den Nacken, sage ihm, wie lieb ich ihn habe, er antwortet mir, dass er mich auch liebt. Irgendwann mittags standen wir auf, a├čen mit seinen Eltern. Irgenwann begann er, sich in sich selbst zur├╝ckzuziehen, nachdem der Schock verarbeitet war, zeigte er wieder depressive Z├╝ge. Ich begann, mich in das Thema einzulesen, als er wieder mit Therapie begann. Ich st├Âberte in Foren, machte mich schlau, suchte nach Tipps zum Umgang mit einem depressiven Partner. Obwohl der Zugang zu ihm schwerer wurde, zeigte er mir trotzdem noch, wie viel ich ihm bedeutete, dass er meine Unterst├╝tzung sch├Ątzte. Er lernte meine Eltern kennen, die ihn ins Herz schlossen. Er lernte meine Freundinnen kennen, wir gingen auf die Dult, auf eine Hochzeit. Ihm ging es immer schlechter, aber er versprach mir, aus der Depression rauszukommen, nicht nur f├╝r ihn, sondern auch f├╝r mich. Nach dem Sex wollte er pl├Âtzlich nicht mehr so innig kuscheln wie fr├╝her, er hielt mich zwar in seinen Armen, aber war zu Romantik und z├Ąrtlichen Ber├╝hrungen und Worten pl├Âtzlich nicht mehr f├Ąhig. Er konnte auf einmal keinem Menschen mehr in die Augen sehen.

Am Tag nach besagter Hochzeit reiste ich ab nach Nicaragua. Ich hatte diesen dreieinhalbw├Âchigen Backpackingtrip geplant, bevor ich F. kennengelernt hatte. Der Abschied von ihm fiel mir unsagbar schwer, und ich freute mich schon beim Abschied darauf, ihn wiederzusehen. Gleichzeitig hatte ich Angst um ihn. Seit seine Depressionen begonnen hatten, war er nicht mehr so WhatsApp-affin wie fr├╝her, also stellte ich mich darauf ein, in diesen dreieinhalb Wochen nicht so viel von ihm mitzubekommen wie sonst. Und das machte mich fertig, weil ich nicht wusste, wie sich die Dinge in dieser Zeit bei ihm entwickeln w├╝rden. Er meldete sich alle paar Tage, und ich bemerkte, wie sein Zustand immer schlimmer wurde. Dennoch verbrachte ich eine unglaublich sch├Âne und spannende Zeit in Nicaragua. Das Reisen ist eine meiner gr├Â├čten Leidenschaften, vielleicht lege ich hier ein zweites Tagebuch an, in dem ich euch von meinen Geschichten und Begegnungen mit dem Rucksack auf dem R├╝cken und wenig Geld auf dem Konto erz├Ąhle. Ein paar Tage vor meiner R├╝ckkehr er├Âffnete F. mir, dass er jetzt mit Antidepressiva beginnen w├╝rde. Er schickte mir einen Beipackzettel. Schlichtweg der gr├Â├čte Schei├č, den die Pharmaindustrie je zustande gebracht hatte. Vor allem f├╝r Jugendliche (er ist inzwischen 17) wie ihm. Die ersten zwei Wochen auf Meds verschlimmerte seinen Zustand noch mehr, bis sie wirkten. Unmittelbar nach Nicaragua ging es ihm erstmals zu schlecht, um mich zu sehen. Er glaubte pl├Âtzlich nicht mehr daran, wieder gesund zu werden. Eigentlich wollten wir da gemeinsam mit meinen Eltern und meinem Bruder essen gehen. Eine Woche sp├Ąter sahen wir uns dann letztendlich doch wieder, er war geringf├╝gig besser gelaunt, wir hatten die halbe Nacht lang Sex und fuhren am n├Ąchsten Tag zu einer Tattoomesse, auf der er sich ein wundersch├Ânes Gedenktattoo f├╝r seine beste Freundin stechen lie├č, ich mir ein kleines Tattoo von den Heiligt├╝mern des Todes aus Harry Potter. Er driftete w├Ąhrend des Tages ├Âfter mal ab, er war nicht mehr so z├Ąrtlich und zuvorkommend wie vor meiner Reise. Irgendwas hatte sich in den Wochen meines Trips bei ihm ge├Ąndert. Er liebte mich nach wie vor, seine Gef├╝hle waren in sich dieselben geblieben, er konnte sie nur pl├Âtzlich nicht mehr so offen nach au├čen hin zeigen wie fr├╝her. Er war k├╝nstlich ├╝berdreht und nicht mehr ganz bei sich. Pl├Âtzlich war ich mit einer anderen Person zusammen.

Ein paar Tage sp├Ąter war ich bei ihm. Er war an diesem Tag wahnsinnig beschissen drauf. Ich hatte auch keinen guten Tag gehabt, und sein durch die Meds ver├Ąndertes Ich und Verhalten hatten mir Denkstoff gegeben. Ich sprach ihn darauf an, als er unter dem Film, den wir uns gemeinsam ansahen, pl├Âtzlich bemerkte, wie ich in sein Shirt reinweinte. Er machte aus dem Nichts Schluss. Er wollte mich besch├╝tzen, mich nicht runterziehen mit seiner Krankheit, ich sollte ihn loslassen, er ist an dem Tag stehen geblieben, als seine beste Freundin gestorben ist, er wird nicht mehr gesund werden, er liebt mich trotzdem wie sonst keinen Menschen, und genau deswegen k├Ânnen wir uns nicht mehr sehen, weil er einen Menschen, den er so sehr liebt, nicht verletzen will. Ich war vor dem Kopf gesto├čen. Ich verbrachte die Nacht an seiner Seite, weinte, wollte nicht gehen, wir schliefen trotzdem "ein letztes Mal" miteinander, er sagte mir immer wieder, dass er mich liebte und nie vergessen w├╝rde, ich sagte ihm dasselbe, wie sch├Ân seine Augen w├Ąren, sie waren das erste, was mir an ihm aufgefallen war. Diese Nacht war wundersch├Ân und schrecklich zugleich. Er sagte, er w├╝rde mich in meiner Studienstadt besuchen, wenn es mir besser gehen w├╝rde. Etwas in mir zerbrach in dieser Nacht. Irgendwann stand er auf und ging zur Arbeit, ich blieb liegen und wartete, bis seine Mam aufstand, um mit ihr zu fr├╝hst├╝cken und zu reden. Ich hatte Kopfschmerzen vom vielen Weinen, verstand nicht, wie etwas urspr├╝nglich so Reines und Sch├Ânes zu so einem Albtraum werden konnte. Seine Mam war traurig und perplex. Ich mag seine Familie unglaublich gern, und sie m├Âgen mich auch, und wir redeten sehr, sehr lange, sie nahm mich in den Arm und tr├Âstete mich. Irgendwann fuhr ich nach P. zu meiner WG und lies mich in die Arme meiner dort ans├Ąssigen Familie 2.0 sinken. Ich rauchte zum ersten Mal seit ├╝ber einem Jahr. Die darauffolgenden Wochen waren pure H├Âlle. Wieder und wieder spielte ich Filme ab von sch├Ânen Momenten mit ihm und von dieser schrecklichen Nacht. Ich begann, mich an dem Satz "Ich besuche dich in P." festzuklammern und auch kleine Mindmovies von diesem Wiedersehen in der Zukunft zu erstellen. Ich passte in der Uni nicht mehr auf, zog mich immer gothic-m├Ą├čiger an, konnte kaum Zeit im Bad mit mir selbst verbringen, weil ich mit mir allein Zust├Ąnde bekam. Ich konnte mir selbst nicht mehr in die Augen sehen, zerfleischte mich in Selbsthass und Schuldgef├╝hlen. Ich wollte sterben. Ich reagierte komplett ├╝berzogen, weil ich nie gelernt hatte, mit Verlusten und Niederlagen umzugehen, und spiegelte unbewusst F.s Verhalten, abgesehen von den Suizidgedanken, denn die hat er nicht im Gegensatz zu mir. Ich habe absolut keine Kontrolle ├╝ber mein Selbstbewusstsein. Entweder strotze ich davor oder ich habe absolut keines. Meine Mitbewohner wurden aufmerksam auf meinen psychisch immer labileren Zustand. S. gab mir einen Hinweis in Zusammenhang mit Johanniskraut und seiner stimmungaufhellenden Wirkung, C. half mir bei der Suche nach einem Psychotherapeuten. Ich fasste den Entschluss, nochmal Kontakt zu F. zu suchen, sobald es mir besser gehen w├╝rde, ich wollte ihm zeigen, dass ich stark war, ihn immer noch liebte und einfach f├╝r ihn da sein wollte. Die M├Âglichkeit eines Neubeginns mit F. gab mir Hoffnung. Die erste Sitzung beim Therapeuten verlief sehr gut, er konnte meine Gedanken etwas sortieren und in eine positivere Bahn lenken. Ein paar Tage sp├Ąter nahm ich wieder Kontakt zu F. auf und schlug ihn ein erneutes Treffen vor. Er willigte ein, und eine Woche sp├Ąter war ich auf dem Weg zu ihm.

Ich hatte mir Worte zurechtgelegt, die ich ihm sagen wollte. Ich hatte keine Ahnung, wie das Treffen verlaufen w├╝rde. Mein Bruder meinte dazu lapidar, entweder ist der Ofen ein oder aus. F.s Mam freute sich wahnsinnig, als ich nach sechs Wochen endlich wieder auf der Matte stand, herzte mich, bot mir Tee an. Er stand etwas verloren im Hintergrund, ich schloss auch ihn in meine Arme und versuchte, cool und selbstbewusst zu wirken, obwohl ich sichtlich zitterte. Sein Zustand hatte sich verschlechtert, sowohl er als auch seine Eltern hatten mich im Vorfeld gewarnt. Ich war auf alles eingestellt, in meinem Rucksack befanden sich sowohl Kondome und ein Schlafshirt als auch seine letzten Habseligkeiten, die ich noch in meiner Wohnung in P. gefunden hatte. Wir gingen rauf in sein Zimmer und setzten uns im Schneidersitz auf seinem Bett gegen├╝ber. Ich h├Ątte ihm gern ├╝bers Gesicht gestrichen, aber wahrte bewusst den Abstand, da seine Mam mich gewarnt hatte, dass er sich momentan nicht ber├╝hren lassen will. Wir redeten ganz normal, was so die letzten Wochen bei uns los gewesen ist. Meine Nervosit├Ąt nahm langsam ab. Er legte sich irgendwann hin und schob seine F├╝├če unter meine Unterschenkel. Ich war von dieser pl├Âtzlichen subtilen Suche nach k├Ârperlicher N├Ąhe etwas ├╝berw├Ąltigt und ging kurz in die K├╝che runter, um nochmal Tee zu holen. Seine Eltern und eine Freundin der Familie, die ich auch kannte, sa├čen da bei einem Glas Wein, ich teilte ihnen mit, dass es bis jetzt ganz gut lief. Ich ging wieder rauf, er lag immer noch da, ich setzte mich wieder hin, wir redeten weiter, irgendwann fragte er mich, ob ich mich nicht zu ihm legen wollte. Ich war wie hypnotisiert und kuschelte mich automatisch an ihn ran, er nahm mich in die Arme, machte Musik an und dr├╝ckte mich an sich. Wir schwiegen. Irgendwann sagte ich ihm, wie sehr ich ihn vermisst hatte. Er meinte, er wisse immer noch nicht, ob dieses Treffen heute eine gute Idee war. Ich sagte ihm, dass ich mich bei ihm einfach nur wohlf├╝hlte. Dass ich f├╝r ihn da sein wollte, sowohl jetzt als auch dar├╝ber hinaus. Ohne Erwartungen, ohne ihn in eine Ecke zu dr├Ąngen, weil ich wei├č, was f├╝r ein wundervoller Mensch hinter der Depression steckt. Er hat mir letzten Sommer genug geschenkt, ich erwarte nichts in exchange, solange es ihm so schlecht geht. Wir m├╝ssten uns auch nicht zwei Mal die Woche sehen wie fr├╝her, wenn ihm das zu viel ist. Einmal die Woche oder alle zwei Wochen w├Ąren f├╝r mich auch in Ordnung. Er l├Ąchelte und sagte danke, als ich ihm diese Dinge sagte. Er kann keinen Menschen einmal die Woche sehen, aber alle zwei Wochen w├Ąre okay. Ich deklinierte mich selbst durch, nur um weiterhin einen Platz in seinem Leben einnehmen zu d├╝rfen. Ich bin eigentlich Feministin, aber ich dachte mir, wegen seiner Krankheit muss man halt ein bisschen Abstriche machen mit dem feministischen Gedankengut. Als er mir zustimmte, jubilierte ich innerlich und strahlte ihn an. Ich blickte ihm in die Augen, suchte seinen Blick, und sagte ihm die drei Worte. Er erwiderte sie, und ich k├╝sste ihn langsam und z├Ąrtlich, die Welt um uns versank, wir zogen uns aus und hatten Sex. Wir waren wieder zusammen und ich durfte ihm beistehen im Kampf gegen seine Depressionen, ich war so gl├╝cklich wie seit Wochen nicht mehr. Seine Eltern auch, "wenigstens ist er jetzt alle zwei Wochen gut drauf".

Wir standen wieder regelm├Ą├čig in Kontakt auf WhatsApp, zwar nicht mehr so intensiv wie zu Beginn unserer Beziehung, aber wenn wir einander was Wichtiges mitzuteilen hatten, taten wir das. Ich kaufte ihm ein Weihnachtsgeschenk, es war ein Abzug von einem gemeinsamen Foto, dass wir im Sommer an einem besonders sch├Ânen Nachmittag am Fluss gemacht hatten. Am Tag vor Weihnachten war ich wieder bei ihm. Er redete zuerst sehr wenig, aber taute langsam auf. Er hatte kein Weihnachtsgeschenk f├╝r mich. Damit hatte ich gerechnet, aber seine ehrliche Freude ├╝ber mein Geschenk war auch sehr sch├Ân, und auch die kleinen Momente, in denen er mir Z├Ąrtlichkeit zeigte und von denen ich tagelang zerrte, sein Kuss auf meine Stirn, seine Umarmung mitten in der Nacht im Halbschlaf, der Abschiedskuss, bevor ich ├╝ber Weihnachten heimfuhr und anschlie├čend mit zwei Freundinnen nach Marokko flog. ├ťbrigens: Ne, ich bin kein reiches, verzogenes G├Âr, sondern arbeite einfach wie bl├Âd neben dem Studium und lege jeden Cent zur Seite, um mir die Reisen zu erm├Âglichen. F., seine Familie ebenfalls sehr reisefreudig, verbrachte diese Zeit auf den Seychellen. Er antwortete nicht auf meine Nachrichten, nicht einmal, als ich ihn vergangenen Freitag, als unsere Urlaube zu Ende gingen, fragte, wie er diese Woche Zeit hat. Als gestern Mittag noch keine Antwort da war, wurde ich sauer und schickte ihm ein Audio, in dem ich ihm ein paar Sachen wie "Auch wenn du Depressionen hast, solltest du mich wertsch├Ątzen und dir die 30 Sekunden nehmen, um mir zu sagen, ob du diese Tage Zeit hast oder nicht. Selbst wenn du mal wieder keinen Bock auf Menschen hast, kannst du mir das sagen, alles besser, als mich zu ghosten." an den Kopf warf. Daraufhin entz├╝ndete sich ein Streit. Auf WhatsApp. Alter Verwalter. Er versteht meinen Zorn, wei├č, dass sein Verhalten falsch ist und ich das nicht verdient habe, will mal wieder nichts von Menschen wissen, braucht Abstand, niemand kann seine beste Freundin ersetzen, nichts hat mehr irgendeine Bedeutung f├╝r ihn, niemand versteht ihn, er wird nicht mehr gesund werden, ich soll endlich aufh├Âren, ihm das st├Ąndig weis zu machen, bla bla bla... Ich bot ihm an, wieder ein paar Wochen auf Abstand zu gehen, so weh mir das auch tut. Er soll sich aber zuerst melden, weil mir das zeugt, dass ich ihm noch irgendwas bedeute. Er reagierte ausweichend von wegen "Ich wei├č nicht, wann es mir das n├Ąchste Mal gut genug geht, um mit Menschen zu reden", er wolle demn├Ąchst keine Leute sehen, eingeschlossen mich, er schreibt eigentlich niemandem mehr auf WhatsApp zur├╝ck, aber da ich ihm mehr bedeute als andere Menschen, l├Ąsst er sich eben auf diese Diskussion ein. Ich beharrte auf meinem Standpunkt, dass ich ihm jetzt ein paar Wochen in Ruhe lasse, aber dann soll er sich melden, sofern ich ihm irgendwas wert bin.

Ich bin mal wieder am Ende, Selbstbewusstsein futsch, Selbsthass und Suizidgedanken da. Es ist schon fast ein Automatismus. Sobald er mich bl├Âd behandelt und wir uns streiten, beginnt das wieder. Ich kann mein Selbstbewusstsein nicht steuern, es steht und f├Ąllt mit ihm. Fr├╝her war es abh├Ąngig davon, wie mich die Leute in der Schule wertgesch├Ątzt haben oder ob ich Komplimente bekommen haben (sowohl auf charakterliche als auch ├Ąsthetische Vorz├╝ge bezogen), ich war s├╝chtig nach Best├Ątigung, bekam diese aber erst mit so 16, 17, was die Zeit davor f├╝r mich zur H├Âlle machte. Mittlerweile bin ich mir selbst genug. Die meiste Zeit. Ich wei├č nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich wei├č nicht, ob ich stark genung bin, den Kontaktentzug zu ihm durchzuziehen. Ich habe mich heute sehr lange mit I., oben genannter sehr guter Freundin unterhalten. Sie ist Mitte 60 und wei├č extrem viel ├╝ber das Leben. Sie meint, ich solle ihn loslassen. Wenn er wirklich mein Seelenverwandter ist, wird er zur├╝ckkommen, ansonsten wird das Loslassen Platz f├╝r etwas Neues schaffen. Das Problem ist, dass ich nicht bereit bin, ihn loszulassen. Und I. sagte auch, dass Dinge, die man mit Gewalt festh├Ąlt, nie bei einem bleiben. Er ist meine erste gro├če Liebe, das Sch├Ânste, was mir in meinem Leben bisher passiert ist, trotz allem. Ich gehe nicht richtig damit um, und das macht es weder f├╝r ihn noch f├╝r mich einfacher. Ich m├Âchte lernen, richtig mit Verlusten und Niederlagen umzugehen. K├Ânnte ich wie ein psychisch gesunder Mensch damit umgehen, w├╝rde mich dieser Streit mit ihm gestern nicht in so ein abgrundtiefes Loch st├╝rzen und ich w├╝rde vielleicht den Absprung schaffen, um ihn loszulassen und zu sehen, wie sich die Dinge dann entwickeln. So verharre ich dabei, bei ihm bleiben zu wollen, komme was wolle, und nicht f├Ąhig zu sein, ihn loszulassen. Obwohl ich das zumindest pro forma mit meinem Statement "Ich lasse dich in Ruhe, du meldest dich zuerst, wenn dir noch was an mir liegt" so scheinen lasse. Ich habe heute Nachmittag meinem Therapeuten auf den AB geredet, ob wir diese Woche oder n├Ąchste Woche eine zus├Ątzliche Sitzung abhalten k├Ânnen. Ich wei├č nicht mehr, wie ich weitermachen soll. Mit ihm ist es schei├če, solange es ihm schlecht geht, ohne ihn ist es aber auch die H├Âlle. Ich trete auf der Stelle.

Wie ihr vielleicht gemerkt habt, stehe ich wahnsinnig auf Musik. Deswegen werde ich am Ende jedes Eintrags ein Musikst├╝ck pr├Ąsentieren, das mich aktuell begleitet. Im Moment ist es die sagenhafte Ballade "Behind Blue Eyes" von Limp Bizkit, die jedem ein Begriff sein sollte. Hat mich offensichtlich auch zu meinem Username inspiriert. Viel Freude beim Anh├Âren (soweit sich jemand die M├╝he gemacht hat, diesen sehr langen Eintrag zu Ende zu lesen) und bis bald.



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Reana
 Betreff des Beitrags: RE: 0.
permanenter LinkVerfasst: 10.01.2018 09:01 
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Hallo behindgreeneyes1,

ein Tagebuch zu schreiben kann einem oft wirklich helfen ├╝ber seine Gef├╝hle und ├ängste ins Klare zu kommen. Da hat dir deine Freundin einen guten Tipp gegeben. Ich m├Âchte dir hier noch einen geben: Vertrau dich jemanden an mit allem. Nicht nur seinem Psychologen, sondern deiner Freundin. Sag ihr einfach alles. Ich habe vor kurzem durch Soizid eine Liebe verloren. Er war auch bereits in Behandlung seit ├╝ber 2 Jahren und galt praktisch als geheilt. Man hat die Medikamente abgesetzt und schon ist es passiert. Er hatte keinen Neuanfang gewollt und blieb in alten Gewohnheiten, die ihn nicht gl├╝cklich machten. Daher gib nicht auf, ├Ąndere etwas in deinem Leben, fange etwas Neues an. Zur├╝ck zu blicken hilft nicht, du lebst im hier und jetzt. Ich hoffe sehr, dass du es schaffst.

Liebe Gr├╝├če

Reana


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