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Klinikaufenthalte hasst jeder

permanenter Link von Befairy am 19.06.2019 21:17

"Psychopharmaka – ein Angriff auf die
MenschenwĂŒrde
Interview mit Robert Whitaker aus der
amerikanischen Zeitschrift Street Spirit
Interviewer: Terry Messman
ĂŒbersetzt von Thomas Gotterbarm / Kalle Pehe
Originalartikel unter:
Link
Robert Whitaker
... ist der Autor von Mad In America: Bad Science,
Bad Medicine, and the Enduring Mistreatment of
the Mentally Ill (“VerrĂŒckt in America –
untaugliche Wissenschaften, untaugliche
Arzneimittel und die fortdauernde Misshandlung
der psychisch Kranken”)
Teil 1: Antidepressiva
Der „EnthĂŒllungsjournalist“ Robert Whitaker,
Autor des bahnbrechenden Buchs Mad In America
(‚VerrĂŒckt in Amerika’), betreibt mittlerweile
faszinierende Studien darĂŒber, wie Pharmakonzerne
die amerikanische Bevölkerung gefÀhrden, indem
sie vertuschen, wie ihre in gigantischer Zahl
verordneten Psychopharmaka (Antidepressiva und
Neuroleptika) Leid, Qualen und Krankheiten in
unermesslichem Ausmaß verursacht haben.
Die gewaltigen LĂŒgen und Vertuschungen, die das
Arzneimittelzulassungsverfahren der FDA (der
amerikanischen Arzneimittelbehörde, Anm. d. Übs.)
korrumpiert haben, deckt Whitaker ebenso auf wie
die zurechtfrisierten Forschungsergebnisse von
Medikamentenstudien und das Verschweigen der
gefÀhrlichen und manchmal sogar tödlichen
Nebenwirkungen von Arzneien wie Prozac (in
Deutschland Fluctin, Anm. d. Übs.), Zoloft, Paxil
(in Deutschland Seroxat, Anm. d. Übs.) und
Zyprexa.
Die Geschichte wird noch beÀngstigender, wenn
man erfÀhrt, mit welch aggressiven Methoden die
Pharmakonzerne prominente Kritiker durch
Diffamierung in den Medien zum Schweigen
bringen und mithilfe von Geld und Macht die
Entlassung angesehener Wissenschaftler und
bedeutender medizinischer Forscher herbeifĂŒhren,
die es wagen, darauf hinzuweisen, dass diese
Arzneien zu Selbstmord und vorzeitigem Tod
fĂŒhren können.
Whitaker beginnt damit, dass er die Wirksamkeit
dieser mit aller Macht beworbenen Wundermittel
infrage stellt, seien es nun Antidepressiva wie
Prozac (Fluctin), Zoloft und Paxil (Seroxat) oder
neue Atypische Neuroleptika wie Zyprexa. Seine
Studien zeigen, dass diese Medikamente trotz der in
allen großen Medien zu vernehmenden
Lobeshymnen bei der Behandlung von Psychosen
und Depressionen hÀufig kaum wirksamer sind als
Placebos.
Schließlich zieht Whitaker die beĂ€ngstigende
Schlussfolgerung, dass diese neuen
Psychopharmaka direkt fĂŒr eine besorgniserregende
neue Epidemie arzneimittelinduzierter psychischer
Erkrankungen verantwortlich sind. Die gleichen
Mittel, die von Ärzten zur Stabilisierung bei
psychischen Störungen verschrieben werden, fĂŒhren
zu pathologischen VerÀnderungen in der
Hirnchemie und lösen dadurch Selbstmorde,
Manien, Psychosen, epileptische AnfÀlle,
GewalttÀtigkeit, Diabetes,
BauchspeicheldrĂŒsenversagen, VerĂ€nderungen im
Stoffwechsel und vorzeitigen Tod aus.
Whitaker war ursprĂŒnglich hoch angesehener
Medizinjournalist bei der Albany Times Union und
schrieb auch immer wieder fĂŒr den Boston Globe.
1998 gelangte seine im Boston Globe
veröffentlichte Reportagenserie ĂŒber Recherchen
zu SchÀdigungen durch Psychiatrie in die
Endauswahl fĂŒr den Pulitzer-Preis. Als er seine
Untersuchungen auf dem Gebiet der Psychiatrie
begann, glaubte er selbst noch an die MĂ€r vom
wissenschaftlichen Fortschritt, die die Psychiatrie
seit Jahrzehnten in der Öffentlichkeit verbreitete.
„Ich war fest von der vorherrschenden Meinung
ĂŒberzeugt“, berichtete Whitaker, „der zufolge
Psychopharmaka wirklich Verbesserungen gebracht
und eine Revolution in der Behandlung von
Schizophrenie“ bewirkt hatten. FrĂŒher hatte man
diese Menschen fĂŒr immer weggesperrt. Heute, so
dachte ich, gehe es ihnen viel besser, auch wenn
natĂŒrlich nicht alles perfekt sei. Dennoch war es in
meinen Augen ein medizinischer Fortschritt.
Dieser medizinische Fortschritt war jedoch eine
LĂŒgenmĂ€r, wie Whitaker herausfand, als er aus
seinen Studien neue Erkenntnisse erlangte ĂŒber
qualvolle psychiatrische Behandlungsmethoden wie
Elektroschocks, Lobotomie, Insulinkoma und
Neuroleptika. Der Öffentlichkeit machten die
2
Psychiater weis, solche Verfahren wĂŒrden
Psychosen heilen, indem sie die Hirnchemie ins
Gleichgewicht bringen.
Was all diesen therapeutischen Methoden in
Wirklichkeit jedoch gemein ist, war der Versuch,
psychische Erkrankungen durch die gezielte
SchÀdigung höher entwickelter Gehirnfunktionen
zu unterdrĂŒcken. Hinter verschlossenen TĂŒren
bezeichnete das psychiatrische Establishment
solche Verfahren sogar selbst als „hirnschĂ€digende
Therapien.“
Die erste Generation antipsychotischer
Medikamente verursachte durch Blockieren des
Hirnbotenstoffs Dopamin und Abschalten vieler
höherer Hirnfunktionen eine arzneimittelinduzierte
Hirnpathologie. Nach der MarkteinfĂŒhrung von
Neuroleptika wie Chlorpromazin und Haldol
sprachen die Psychiater selbst davon, die Wirkung
dieser Medikamente sei praktisch eine Art
„chemischer Lobotomie“.
In neuerer Zeit verkĂŒndeten die Medien die
Entwicklung sogenannter Designer-Medikamente
wie Prozac (Fluctin), Paxil (Seroxat) und Zyprexa.
Diesen wurde nachgesagt, sie seien den alten
trizyklischen Antidepressiva und der ersten
Neuroleptika-Generation ĂŒberlegen und hĂ€tten auch
weniger Nebenwirkungen als jene. Millionen von
Amerikanern glaubten an diese Geschichte und
fĂŒllten die Taschen von Firmen wie Eli
Lilly, indem sie Milliarden von Dollars fĂŒr den
Kauf dieser neuen Arzneimittel ausgaben.
Whitakers Forschungen zu tragischen FĂ€llen, in
denen Menschen an diesen Medikamenten litten,
schwer erkrankten oder vorzeitig verstarben,
beweisen, dass Millionen von Verbrauchern durch
eine gewaltige Kampagne voller LĂŒgen,
Verharmlosungen und gekaufte Arzneimittelstudien
irregefĂŒhrt worden sind. Herausragende Mediziner,
die vor den Gefahren dieser neuen Medikamente
warnen wollten, sind eingeschĂŒchtert, diffamiert
und zum Schweigen gebracht worden. Gleichzeitig
wurde die amerikanische Arzneimittelbehörde vom
Wachhund zum Schoßhund der multinationalen
Pharmakonzerne.
Street Spirit befragte Robert Whitaker zu dieser
neuen „Epidemie“ psychischer Störungen und dazu,
wie die Pharma-Multis mit dem Verkauf von
krankmachenden Arzneien Profite scheffeln.
Street Spirit: Ihre neuen Nachforschungen zeigen,
dass psychische Krankheiten in den Vereinigten
Staaten in gewaltigem Maße zunehmen, trotz der
scheinbaren Fortschritte durch die neue
Generation von Psychopharmaka. Wie kommen Sie
darauf, diesen Anstieg als Epidemie zu bezeichnen?
Robert Whitaker (RW):
Selbst viele Psychiater sind dieser Meinung wie
etwa E. Fuller Torrey, der vor kurzem ein Buch
veröffentlichte, in dem er schrieb, in Amerika gebe
es eine Epidemie psychischer Erkrankungen. Das
Ansteigen der Zahl psychisch kranker Menschen
wird aus den Zahlen ersichtlich, die das National
Institute of Mental Health (das Nationale Institut
fĂŒr psychische Gesundheit, Anm. d. Übs.)
veröffentlicht. Einigen neueren Berichten zufolge
sind inzwischen 20 Prozent aller Amerikaner
psychisch krank. Ich wollte genauer untersuchen,
wie dramatisch dieser Anstieg seelischer Störungen,
vor allem schwerer psychischer Erkrankungen,
wirklich ist. Zum Teil ist diese Zunahme der Zahl
psychisch Kranker auf die Definition
zurĂŒckzufĂŒhren. Heutzutage steckt man einen sehr
großen Bereich ab und ordnet alle möglichen
Menschen in die Kategorie „psychisch krank“ ein.
Kinder z. B., die im Klassenzimmer nicht brav
genug sitzen, haben nun ein Aufmerksamkeits-
Defizit/HyperaktivitÀts-Syndrom (ADHS). Genauso
schuf man eine neue Störung namens „Soziale
Phobie“.
Street Spirit:
Was man frĂŒher also einfach SchĂŒchternheit oder
Angst vor Menschen nannte, gilt nun als psychische
Störung, die mit einem Antidepressivum wie Paxil
(Seroxat) zu behandeln ist.
RW: Ganz genau, und fĂŒr ADHS braucht man nun
ein Stimulantium wie Ritalin.
Street Spirit: Dies liefert den Psychiatern neue
Patienten. VergrĂ¶ĂŸert es nicht auch die Zahl der
Menschen, denen die Pharmamultis ihre
Psychopharmaka verkaufen können?
RW: Ganz bestimmt. Ein Teil von dem, was heute
zu sehen ist, ist nichts anderes als die Schaffung
grĂ¶ĂŸerer AbsatzmĂ€rkte fĂŒr Medikamente. Je grĂ¶ĂŸer
der Bereich dessen, was als psychisch krank gilt,
abgesteckt wird, desto mehr Patienten hat die
Psychiatrie und desto mehr Arzneimittel werden
verkauft. Es gibt also einen inhÀrenten
wirtschaftlichen Anreiz, psychische Krankheit so
weit gefasst wie möglich zu definieren und ganz
gewöhnliche, mit Leid verbundene GefĂŒhle und
Verhaltensweisen, die manche Menschen vielleicht
lÀstig finden, als psychische Störung einzustufen.
Street Spirit: Ihre Studien zeigen aber auch, dass es
einen realen Anstieg bei der Zahl von Menschen mit
schweren psychischen Störungen gibt. Stimmt es,
dass Sie glauben, ein großer Teil dieses Anstiegs
sei durch die ĂŒbermĂ€ĂŸige Einnahme von
Psychopharmaka der neuen Generation
verursacht?
RW: Ja, genau. Ich betrachtete die Zahl der
Betroffenen, die als psychisch schwer behindert
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gelten – Menschen, die aufgrund psychischer
Erkrankungen erwerbsunfÀhig oder in ihrem
tÀglichen Leben irgendwie eingeschrÀnkt sind. Ich
wollte nun den als psychisch krank und behindert
geltenden Prozentsatz der Bevölkerung im Verlauf
der Geschichte ermitteln und auswerten.
1903 war etwa einer von 500 Amerikanern wegen
einer psychischen Störung im Krankenhaus. Als
1955 die ersten modernen Psychopharmaka auf den
Markt gekommen waren, war einer von 300
BĂŒrgern aus psychischen GrĂŒnden erwerbsunfĂ€hig.
Ab 1987 kam dann die zweite, die moderne
Generation von Psychopharmaka auf den Markt.
Zwischen 1955 und 1987, also zur Zeit der ersten
Psychopharmaka-Generation, als man Mittel
einsetzte wie Chlorpromazin, Haldol und
trizyklische Antidepressiva, vervierfachte sich die
Zahl erwerbsunfÀhiger seelisch Kranker, bis am
Ende etwa einer von 75 Amerikanern aus
psychischen GrĂŒnden arbeitsunfĂ€hig war.
Zwischen 1955 und 1987 gab es zudem eine
VerÀnderung in der Art und Weise, wie man
psychisch Kranke behandelte. 1955 kamen sie in
die Psychiatrie. In den dreißig Jahren danach
fanden dann gesellschaftliche VerÀnderungen statt.
Heute werden solche Menschen ambulant versorgt
oder kommen in Asyle und Pflegeheime und
erhalten ErwerbsunfÀhigkeitsrente oder Sozialhilfe.
1987 kam die angeblich bessere zweite Generation
von Psychopharmaka auf den Markt, erst mit
Medikamenten wie Prozac (Fluctin) und den
anderen Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-
Hemmern (SSRI) und dann mit den neuen
Atypischen Neuroleptika wie Zyprexa (Olanzapin),
Clozapin (Leponex) und Risperdal.
Was ist nun seit 1987 geschehen? Nun, die
ErwerbsunfÀhigkeitsquote ist weiter gestiegen und
betrifft heute jeden 50. Amerikaner. Denken Sie
einmal darĂŒber nach: Jeder fĂŒnfzigste Amerikaner
ist heute wegen einer psychischen Erkrankung
erwerbsunfÀhig, und die Rate steigt weiter. Seit
1987 nimmt die Zahl der arbeitsunfÀhigen
psychisch Kranken in den Vereinigten Staaten jedes
Jahr um 150.000 Menschen zu. Das heißt, dass in
den vergangenen siebzehn Jahren jeden Tag weitere
410 Menschen wegen einer seelischen Störung als
erwerbsunfÀhig eingestuft wurden.
Street Spirit: Dann liegt die Frage nahe: Wenn die
Psychiatrie jetzt ĂŒber sogenannte Wundermittel wir
Prozac, Zoloft und Zyprexa verfĂŒgt, wieso steigt
dann die Zahl psychischer Erkrankungen so
dramatisch an?
RW: Genau darum geht es. Dies ist eine
wissenschaftliche Fragestellung. Wir haben eine
Patientenversorgung, bei der diese Medikamente
immer hÀufiger eingesetzt werden, wir haben
angeblich viel bessere Arzneien als frĂŒher, die die
Grundlage der psychiatrischen Therapie sind. Also
sollte man erwarten, dass der Anteil der
erwerbsunfÀhigen Menschen sinkt. Stattdessen ist
die Zahl der aus psychischen GrĂŒnden
ErwerbsunfÀhigen in den Vereinigten Staaten seit
1987 von 3,3 Millionen auf 5,7 Millionen
gestiegen. Im gleichen Zeitraum haben die
Ausgaben fĂŒr Psychopharmaka in gewaltigem
Maße zugenommen. 1986 wurden etwa 500
Millionen Dollar fĂŒr Antidepressiva und
Neuroleptika ausgegeben, 2004 waren es fast 20
Milliarden. Da stellt sich also zwangslÀufig die
Frage: Beeinflusst der Einsatz dieser Medikamente
in irgendeiner Weise den Anstieg der Zahl
psychisch bedingter FÀlle von ErwerbsunfÀhigkeit?
Betrachtet man die Ergebnisse der Untersuchungen,
so findet man bei all diesen Medikamenten ein
eindeutiges Muster von Befunden – bei den
Neuroleptika, den Antidepressiva, den Anxiolytika
(Tranquilizern) und den Stimulantien wie Ritalin
zur Behandlung von ADHS. All diese Arzneien
dĂ€mpfen fĂŒr einen kurzen Zeitraum, vielleicht sechs
Wochen, ein Zielsymptom ein klein wenig
wirksamer als ein Placebo. Ein Antidepressivum
lindert also die depressiven Symptome fĂŒr kurze
Zeit besser als ein Placebo.
Langfristig gesehen jedoch verschlimmert jede
dieser Psychopharmaka-Kategorien im Vergleich
zu Placebos Zielsymptome wie Depressionen,
Psychosen und AngstzustÀnde. Die Folge sind eine
Chronifizierung und Verschlimmerung der
Zielsymptome. Bei einem großen Prozentsatz der
Patienten werden sogar neue und schwerere
psychiatrische Symptome durch die Medikamente
selbst hervorgerufen.
Street Spirit: ...neue psychiatrische Symptome
hervorgerufen durch die gleichen Medikamente, die
den Betroffenen helfen sollen, gesund zu werden?
RW: Ganz genau. Am offensichtlichsten ist dies bei
den Antidepressiva. Ein bestimmter Prozentsatz
von Patienten, die wegen irgendeiner Form von
Depression mit Serotonin-Wiederaufnahme-
Hemmern behandelt werden, bekommt eine Manie
oder eine Psychose – hervorgerufen durch das
Medikament. Dies ist weithin bekannt. Behandelte
man anfÀnglich eine Depression, behandelt man
nun manische oder psychotische Symptome. Was
geschieht dann, wenn jemand eine Arzneimittelinduzierte
manische Episode hat? Er landet in der
Notaufnahme und erhÀlt eine neue Diagnose. Nun
ist derjenige bipolar und bekommt zu dem
Antidepressivum noch ein Neuroleptikum dazu.
SpÀtestens diesem Punkt hat der soziale Abstieg zur
chronischen ErwerbsunfÀhigkeit begonnen.
Street Spirit: Die moderne Psychiatrie behauptet,
diese Psychopharmaka korrigierten eine
pathologische Hirnchemie. Gibt es irgendwelche
Belege fĂŒr die Behauptung, eine gestörte
Hirnchemie sei fĂŒr Psychosen und Depressionen
verantwortlich?
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RW: Genau das ist die entscheidende Frage, die es
zu klĂ€ren gilt. Die Antwort darauf lĂŒftet das
Geheimnis um die gefÀhrlichen Langzeitfolgen
dieser Medikamente. Beginnen wir bei der
Schizophrenie. Der psychiatrischen Hypothese
zufolge wirken diese Arzneien, indem sie ein
Ungleichgewicht des Hirnbotenstoffs Dopamin
korrigieren.
Die Theorie besagte, Schizophrene hÀtten eine
ĂŒberaktives Dopamin-System, und diese
Medikamente korrigierten das chemische
Ungleichgewicht, indem sie das Dopamin im
Gehirn blockieren. So entstand die Metapher,
Neuroleptika seien wie Insulin bei Diabetes, sie
korrigierten eine Anomalie. Bei Depressionen
wiederum hieß es, Depressive hĂ€tten einen zu
niedrigen Serotonin-Spiegel, und die Medikamente
brÀchten die Hirnchemie wieder ins Gleichgewicht,
indem sie das Serotonin im Gehirn vermehrten.
Bei diesen Theorien handelte es sich jedoch
keinesfalls um Schlussfolgerungen aus
Forschungsbefunden darĂŒber, was mit den
Betroffenen tatsÀchlich geschah. Vielmehr hatte
man herausgefunden, dass Neuroleptika das
Dopamin blockieren, und daraus zog man dann den
Schluss, die Patienten hĂ€tten ein ĂŒberaktives
Dopamin-System. Man hatte entdeckt, dass
Antidepressiva den Serotonin-Spiegel anheben, und
stellte nun die Theorie auf, Depressive mĂŒssten
logischerweise zu wenig Serotonin im Gehirn
haben.
Es gibt jedoch eine Tatsache, die jeder Amerikaner
kennen und die die Psychiatrie endlich eingestehen
sollte: Man hat bis heute nichts gefunden, was
bestĂ€tigt, dass Schizophrene ein ĂŒberaktives
Dopamin- und Depressive ein zu wenig aktives
Serotonin-System hÀtten. Man hat bis heute keine
eindeutigen Beweise, dass diese Erkrankungen in
irgendeinem Zusammenhang mit einem chemischen
Ungleichgewicht im Gehirn stehen. Die
Behauptung, bei psychisch Kranke bestehe
erwiesenermaßen ein chemisches Ungleichgewicht
ist eine LĂŒge. Man weiß das ĂŒberhaupt nicht. Man
sagt das, um den Absatz dieser Medikamente zu
steigern und rechtfertigt es mit einem biologischen
ErklĂ€rungsmodell fĂŒr psychische Krankheiten.
Der entscheidende Punkt ist also folgender: Man
weiß in der Tat, dass diese Medikamente die
Funktion der chemischen Botenstoffe im Gehirn
beeinflussen. Menschen, denen eine psychische
Erkrankung diagnostiziert wurde, haben keine
nachweisbare Störung ihrer Hirnbotenstoffsysteme,
doch diese Arzneien stören die normale Funktion
der Hirnbotenstoffe.
Street Spirit: Statt also ein chemisches
Ungleichgewicht zu korrigieren, stören diese in
großer Zahl verschriebenen Medikamente selbst die
Hirnchemie und fĂŒhren eine Krankheit herbei?
RW: Ganz genau. Stephen Hyman, ein sehr
bekannter Neurowissenschaftler und frĂŒherer
Direktor des National Institute of Mental Health
(Nationales Institut fĂŒr seelische Gesundheit),
veröffentlichte 1996 ein Papier, in dem er
schilderte, wie Psychopharmaka das Gehirn
beeinflussen. All diese Medikamente, schrieb er,
verursachen Störungen in der Funktion der
Hirnbotenstoffe. Ihm zufolge reagiert das Gehirn
auf die chemische Manipulation von außen, indem
es seine normalen Funktionen verÀndert und sich an
die Psychopharmakawirkung anpasst. Anders
gesagt, das Gehirn passt sich an die Blockade der
normalen Dopamin-Funktionen durch die
Neuroleptika an. Im Falle der Antidepressiva
wiederum versucht das Gehirn, die Blockade der
normalen Serotonin-Wiederaufnahme
auszugleichen. Es tut dies, indem es sich in
umgekehrter Richtung verÀndert. Blockiert man
also das Dopamin, versucht das Gehirn, den
Dopamin-Spiegel wieder zu erhöhen und vermehrt
dabei die Zahl der Dopamin-Rezeptoren. Dies
bedeutet, dass jemand, der mit einem
Neuroleptikum behandelt wird, schließlich eine
anormal große Zahl von Dopamin-Rezeptoren im
Gehirn hat.
Gibt man jemandem ein Antidepressivum, das den
Serotonin-Spiegel kĂŒnstlich erhöht, reagiert das
Gehirn wiederum entgegengesetzt. Es verringert
den Serotonin-Ausstoß und vermindert die Zahl der
Serotonin-Rezeptoren. Wer ein Antidepressivum
einnimmt, hat am Ende also eine anormal niedrige
Zahl von Serotonin-Rezeptoren im Gehirn. Aus all
dem zog Hyman den folgenden Schluss: Nach
diesen VerÀnderungen funktioniere das Gehirn des
Patienten in einer Weise, die sich „qualitativ wie
quantitativ“ von seinem Normalzustand
unterscheide. Stephen Hyman, der frĂŒhere Leiter
unserer Behörde fĂŒr seelische Gesundheit, zeigte
also, wie diese Arzneimittel einen krankhaften
Zustand im Gehirn herbeifĂŒhren.
Street Spirit: Das Paradoxe ist also: Es gibt keinen
Beweis fĂŒr die Behauptung der modernen
Psychiatrie, seelische Krankheiten wĂŒrden durch
ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn
verursacht, doch wenn man Betroffene mit diesen
neuen Wundermitteln behandelt, entsteht ein
solches krankhaftes Ungleichgewicht?
RW: Ja, diese Medikamente stören die normale
Hirnchemie. Das ist das wirklich Paradoxe daran.
Die wahre Tragödie ist die, dass beim Einsatz
dieser Medikamente genau das Gegenteil von
einem Ausgleich der Hirnchemie geschieht. Man
nimmt ein Gehirn, das keine anormale Hirnchemie
hat, und stört diese normal funktionierende Chemie
mit Psychopharmaka. Was mit jemandem
geschieht, der ein SSRI-Antidepressivum einnimmt,
beschreibt Barry Jacobs, ein Neurowissenschaftler
aus Princeton, wie folgt: Diese Medikamente
verĂ€nderten die Übertragungsrate an den Synapsen
ĂŒber den unter normalen biologischen Bedingungen
bestehenden physiologischen Rahmen hinaus. Die
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dadurch erzielten VerÀnderungen im Organismus
und im Verhalten seien deshalb eher als krankhaft
zu betrachten als eine Reaktion im Rahmen der
normalen biologischen Funktion des Serotonins.
Street Spirit: Eines der SSRI-Antidepressiva, das
weithin als Wundermittel gilt, ist Prozac (Fluctin).
Ihre Studien haben jedoch gezeigt, dass die
Arzneimittelbehörde FDA fĂŒr Prozac mehr
Meldungen zu Nebenwirkungen erhielt, als fĂŒr
jedes andere Medikament. Über welche
Nebenwirkungen wurde da berichtet?
RW: Zuerst muss man einmal darauf hinweisen,
dass die Wirksamkeit von Prozac und allen spÀteren
SSRIs immer recht gering war. In allen klinischen
Studien ging es etwa 41 Prozent aller Patienten mit
SSRI-Antidepressiva besser, im Vergleich zu 31
Prozent bei Placebos. Verwendet man in solchen
Studien jedoch ein aktives Placebo – d. h., ein
Placebo, das physiologische VerÀnderungen ohne
irgendeinen Nutzen hervorbringt, also nur sog.
Nebenwirkungen, wie etwa Mundtrockenheit –,
dann gibt es praktisch keinen Unterschied mehr in
der Wirksamkeit von SSRI-Antidepressiva und
(aktiven) Placebos.
Street Spirit: War es nicht so, dass Prozac in den
ersten Erprobungsstudien so wenig Wirksamkeit
zeigte, dass man die Testergebnisse manipulieren
musste, um die Marktzulassung durch die FDA zu
erhalten?
RW: Die Geschichte von Prozac ist faszinierend.
Von Anfang an stellte man im Vergleich zu
Placebos nur eine ganz gering erhöhte Wirksamkeit
fest. Gleichzeitig bemerkte man jedoch, dass die
Selbstmordneigung unter Prozac höher war, als
unter Placebos. Anders gesagt, das Mittel machte
Menschen, die noch nie an Selbstmord gedacht
hatten, unruhig, aufgeregt und suizidal. Genauso
gab es manische Reaktionen bei Menschen, die
noch nie eine Manie gehabt hatten, und
psychotische Episoden bei Menschen, die noch nie
psychotisch gewesen waren. Man bemerkte also
diese problematischen Nebenwirkungen, wÀhrend
man gleichzeitig bei der Behandlung von
Depressionen eine im Vergleich zu Placebos nur
bescheiden verbesserte Wirksamkeit feststellte.
Was also Eli Lilly, der Hersteller von Prozac, im
Wesentlichen tun musste, war, psychotische und
manische Nebenwirkungen zu vertuschen, um so
die FDA-Zulassung zu erhalten. Ein FDAMitarbeiter
bemerkte sogar warnend, Prozac
scheine doch recht gefÀhrlich zu sein. Dennoch
wurde dieses Mittel schließlich zugelassen. Es
scheint so, als komme dies erst jetzt alles ans
Tageslicht. „Oh, Prozac kann Menschen zum
Selbstmord treiben, alle diese neuen SSRIs können
das Selbstmordrisiko erhöhen!“ Dies ist jedoch
ĂŒberhaupt nichts Neues. Die entsprechenden Daten
lagen seit der allerersten Studie vor. Auch in
Deutschland z. B. gab es Stimmen, die Prozac fĂŒr
gefÀhrlich hielten.
Street Spirit: Schon Ende der 80er Jahre wusste
man das?
RW: Noch frĂŒher sogar – Anfang der 80er Jahre,
noch bevor Prozac die Zulassung erhielt. Wie
gesagt, was Eli Lilly im wesentlichen tat, war, das
Manie- und Psychose-Risiko ebenso zu vertuschen
wie die Tatsache, dass manche Menschen von
Prozac so nervös und unruhig wurden, dass sie an
Selbstmord dachten. Nur dadurch erhielt man die
Zulassung. Es gab verschiedene Wege, diese
Risiken zu vertuschen. Zum einen entfernte man
einfach Meldungen ĂŒber psychotische Reaktionen
aus den Daten der Studien. Zum anderen wurden
die Testbefunde zum Teil umbenannt. Zeigte
jemand z. B. eine manische oder psychotische
Reaktion, so wurde diese nicht als solche vermerkt,
sondern man hielt es als RĂŒckfall in die Depression
oder so Àhnlich fest. Von Anfang an bestand die
Notwendigkeit, diese Nebenwirkungen zu
vertuschen, und genau das hat Eli Lilly getan.
1987 kam Prozac schließlich mit einer
unglaublichen Werbekampagne auf den Markt. Das
neue Medikament fand sich z. B. auf der Titelseite
als „Pille des Jahres“ in so mancher Zeitschrift
wieder, [lacht]. Das neue Mittel sei so viel sicherer
und nebenwirkungsÀrmer, ein wahres
Wundermittel. Es gab Ärzte, die sagten: „Das
wirkliche Problem bei diesem Mittel ist, dass wir
damit die FĂ€higkeit haben, jede gewĂŒnschte
Persönlichkeit zu erzeugen. Dieses Medikament
gibt einem die Möglichkeit, rund um die Uhr
glĂŒcklich zu sein. Man muss nur seine Pille
schlucken!“ Das war völliger Blödsinn. Bei der
Linderung depressiver Symptome waren diese
Medikamente, kurzfristig gesehen, kaum wirksamer
als Placebos. Man hatte alle die Nebenwirkungen,
und dennoch wurde fĂŒr diese Mittel geworben,
indem man sagte: „Oh, die Psychiatrie hat eine
solche Macht, dass sie jeden gewĂŒnschten
GemĂŒtszustand herstellen kann – eine Designer-
Persönlichkeit!“ Das war geradezu schamlos.
Die RealitĂ€t sah so aus: Über welches Medikament
in Amerika gingen nach seiner Marktzulassung die
meisten Meldungen ĂŒber Nebenwirkungen ein?
Prozac!
Street Spirit: In welchem Ausmaß wurden
Nebenwirkungen nach der MarkteinfĂŒhrung von
Prozac gemeldet?
RW: Hier in Amerika gibt es Medwatch, ein
Meldesystem, das unerwĂŒnschte Nebenwirkungen
von Psychopharmaka an die FDA weiterleitet. Die
FDA hĂ€lt solche Meldungen ĂŒbrigens geheim. Statt
sie der Öffentlichkeit zugĂ€nglich zu machen, damit
jeder die Risiken eines Medikaments kennt, macht
die FDA es einem sehr schwer, an diese Berichte zu
gelangen. Innerhalb eines Jahrzehnts kam es bei
6
Prozac zu 39.000 Hinweisen auf Nebenwirkungen,
die bei Medwatch eingingen. Man nimmt jedoch an,
dass nur etwa 1 Prozent aller tatsÀchlich
aufgetretenen FĂ€lle von Nebenwirkungen ĂŒberhaupt
an Medwatch gelangen. Bei 39.000 derartigen
Meldungen an Medwatch muss man also davon
ausgehen, dass die Zahl der Menschen, die auf
Prozac mit unerwĂŒnschten Nebenwirkungen
reagieren, etwa hundertmal grĂ¶ĂŸer ist. Das ergibt,
grob gesagt, vier Millionen Menschen. Prozac ist so
das Medikament, ĂŒber das in Amerika mit Abstand
die meisten Meldungen ĂŒber Nebenwirkungen
vorliegen. Schon in den ersten beiden Jahren nach
seiner MarkteinfĂŒhrung gab es mehr derartige
Berichte ĂŒber Prozac als ĂŒber das meistverwendete
trizyklische Antidepressivum in 20 Jahren.
Vergessen Sie nicht: Prozac wird der
amerikanischen Öffentlichkeit als wunderbar
sicheres Medikament angepriesen – und worĂŒber
klagen die, die es einnehmen? Manien,
psychotische Depressionen, NervositÀt,
Ängstlichkeit, Unruhe, AggressivitĂ€t,
Halluzinationen, GedÀchtnisausfÀlle, Tremor,
Impotenz, epileptische AnfÀlle, Schlafstörungen,
Übelkeit, Selbstmordneigungen – eine gewaltige
Bandbreite ernster Symptome.
Das gilt nicht nur fĂŒr Prozac. Als um 1994 andere
SSRIs auf den Markt kamen, wie Zoloft und Paxil
(Seroxat), waren unter den 20 Medikamenten, zu
denen die meisten Meldungen ĂŒber
Nebenwirkungen bei Medwatch eingingen, vier
SSRI-Antidepressiva. Anders ausgedrĂŒckt, jedes
dieser auf den Markt gekommenen Medikamente
löste die gleiche Bandbreite unerwĂŒnschter
Nebenwirkungen aus. Wir sprechen hier nicht von
harmlosen Beschwerden. Manien, Halluzinationen
und psychotische Depressionen sind
schwerwiegende Erkrankungen.
Der FDA war dies alles durchaus bewusst. Die
Behörde hatte eine Flut von Meldungen ĂŒber
Nebenwirkungen erhalten, doch wurden diese
lÀnger geheim gehalten als bei jedem anderen
Medikament. Es dauerte ein Jahrzehnt, bis die FDA
erstmals zugab, dass diese Arzneien bei manchen
Menschen eine Neigung zu Selbstmord und
gewalttÀtigen Handlungen hervorrufen. Dies zeigt,
wie die FDA die amerikanische Öffentlichkeit
belogen hat. Statt ihrer Verantwortung
nachzukommen, die BĂŒrger vor den Gefahren von
Medikamenten zu schĂŒtzen, vertuschte die FDA die
Risiken der neuen Antidepressiva.
Street Spirit: Was denken Sie angesichts dieses
Versagens bei der Warnung der Öffentlichkeit vor
Prozac ĂŒber das fahrlĂ€ssige Verhalten der FDA
bezgl. des kĂŒrzlich bekannt gewordenen Problems
einer erhöhten Suizidneigung von Kindern, die
Antidepressiva wie Paxil (Seroxat) erhielten?
Waren die englischen Gesundheitsbehörden nicht
weitaus schneller als ihr amerikanisches
GegenstĂŒck, die FDA, als es darum ging, vor der
erhöhten Neigung zu Selbstmordversuchen bei mit
Antidepressiva behandelten Jugendlichen zu
warnen?
RW: Ja. Die Geschichte dieser Kinder ist
unglaublich tragisch. Es ist eine wirklich
schmutzige Geschichte. Betrachten wir einmal, wie
es dazu gekommen ist, dass Kinder mit
Antidepressiva behandelt werden: 1987 kam
Prozac auf den Markt. Anfang der 90er Jahre sagten
die Hersteller von SSRI-Antidepressiva: “Wie lĂ€sst
sich der Markt fĂŒr diese Pharmaka erweitern?” Dies
ist schließlich das, was Pharmaunternehmen tun –
sie wollen eine immer grĂ¶ĂŸere Zahl von Kunden.
Also entdeckte man in Kindern einen noch
unerschlossenen Absatzmarkt und begann, diese
Medikamente auch fĂŒr Kinder zu empfehlen. Man
hatte Erfolg damit. Seit 1990 hat sich die Zahl der
Kinder, die mit Antidepressiva behandelt werden,
versiebenfacht. In allen an Kindern durchgefĂŒhrten
Studien ĂŒber Antidepressiva hatte man jedoch
festgestellt, dass diese Mittel bei der Behandlung
des Zielsymptoms Depression nicht wirksamer sind
als Placebos. Bei Antidepressiva-Tests an Kindern
wurde immer wieder der gleiche Befund erzielt.
Das bedeutet, dass es keine vernĂŒnftigen
therapeutischen GrĂŒnde gibt, Kinder mit
Medikamenten zu behandeln, die die Zielsymptome
nicht besser lindern als Placebos, aber alle
möglichen unerwĂŒnschten Nebenwirkungen nach
sich ziehen. In einer Testreihe z. B. litten 75
Prozent der mit Antidepressiva behandelten
Jugendlichen an irgendeiner unerwĂŒnschten
Nebenwirkung. In einer Studie der UniversitÀt
Pittsburgh entwickelten 23 Prozent der SSRIbehandelten
Kinder eine Manie oder manieÀhnliche
Symptome, bei weiteren 10 Prozent kam
es zu arzneimittelinduziertem aggressivem
Verhalten. Diese klinischen Befunde besagten also
ganz eindeutig, dass diese Medikamente Kindern
mit Depressionen nicht helfen, dass sie aber zu
allen möglichen schweren Problemen fĂŒhren –
Manien, AggressivitÀt, Psychosen und sogar
Selbstmord. Man hÀtte diese Mittel bei Kindern
also nie einsetzen dĂŒrfen, nicht wahr? Stattdessen
wurde dies alles vertuscht.
Street Spirit: Wie wurde es vertuscht?
RW: Es gab Psychiater – einige von ihnen hatten
offenbar Geld von den Pharmafirmen erhalten –,
die behaupteten, Kinder seien psychiatrisch
unterversorgt und darum hÀufig
selbstmordgefÀhrdet. Man könne diese Kinder nicht
ohne Medikamente lassen, es fĂŒhre zu einer
Tragödie, wenn man die neuen Antidepressiva hier
nicht einsetze. Schließlich begann ein bekannter
englischer Forscher, David Healy, mit eigenen
Studien zu der Frage, ob diese Medikamente die
Selbstmordneigung verstÀrken können. Es gelang
ihm, Zugang zu bekommen zu einem Teil der
Testbefunde, und er reagierte. Er tat dies erst in
7
England, wo er die Daten den Gesundheitsbehörden
vorlegte. Die Verantwortlichen sahen, dass diese
Medikamente das Selbstmordrisiko offenbar
erhöhten und bei der Behandlung des Zielsymptoms
Depression nicht wirklich von Nutzen waren.
Folglich begann man in England, die Ärzte vor
einer Verschreibung dieser Arzneimittel an
Jugendliche zu warnen.
Was geschah nun in den Vereinigten Staaten? Erst,
nachdem eine Menge Druck auf die FDA ausgeĂŒbt
worden war, hielt die Behörde eine Anhörung ab.
Die FDA spielte die Risiken dieser Medikamente
herunter und zögerte sogar, Verpackungen und
Beipackzettel mit einer entsprechenden Warnung zu
versehen. Warum? Ist das Leben amerikanischer
Kinder nicht schĂŒtzenswert? Sollte man vor
Medikamenten, bei denen eine Erhöhung des
Selbstmordrisikos wissenschaftlich nachgewiesen
wurde, nicht wenigstens warnen? Die FDA beharrte
jedoch auf ihrem Standpunkt, diese Arzneien mit
einer entsprechenden Warnung zu versehen, sei
nicht nötig.
Street Spirit: Wie kommt es, dass diese
Antidepressiva noch immer als Wundermittel gegen
Depressionen gelten, wenn ĂŒber kein Medikament
so viele Nebenwirkungen vermeldet wurden, wie
ĂŒber Prozac, und wenn Paxil die
Selbstmordneigung bei Jugendlichen
nachgewiesenermaßen erhöht? Und wieso hat die
FDA die Öffentlichkeit vor Paxil und Prozac so
lange nicht gewarnt?
RW: DafĂŒr gibt es eine Reihe von GrĂŒnden. Die
Finanzierung der FDA wurde in den 90er Jahren
geÀndert. Durch ein neues Gesetz, Prescription
Drug User Fee Act, ĂŒbertrug man die Finanzierung
der FDA zum großen Teil der Pharmaindustrie.
Dies sieht im Wesentlichen so aus, dass eine
Pharmafirma, die die Zulassung eines Medikaments
beantragt, eine GebĂŒhr bezahlen muss. Aus dieser
GebĂŒhr werden Arzneimittelzulassungsverfahren
der FDA zum großen Teil finanziert. Von heute auf
morgen also kamen die FDA-Geldmittel von der
Pharmaindustrie und nicht mehr von den BĂŒrgern.
Als dann eine Neufassung des Gesetzes anstand,
sagte die Pharmalobby, Aufgabe der FDA solle es
kĂŒnftig sein, Medikamente nicht mehr, wie bisher,
kritisch zu ĂŒberprĂŒfen, sondern sie möglichst
schnell zuzulassen. Dies haben wir der Politik von
Newt Gingrich zu verdanken (von 1995 bis 1999
Sprecher des ReprÀsentantenhauses. Mit ihm wird
die "Republican Revolution" verknĂŒpft, die in der
Wahl zum Kongress 1994 erstmals seit Jahrzehnten
zu einer republikanischen Mehrheit gefĂŒhrt hat.
Anm. d. Übs., ĂŒbernommen von Wikipedia). Euer
Job ist es jetzt, Medikamente zu vermarkten, also
arbeitet mit der Pharmaindustrie zusammen und
erleichtert die Entwicklung neuer Arzneimittel. Die
Idee von der FDA als einer Aufsichtsbehörde ging
verloren.
DarĂŒber hinaus wechselten viele FDA-Mitarbeiter
zu Pharmafirmen ĂŒber. Die FDA wird gern ironisch
als Trittbrett zur Karriere in der Pharmaindustrie
bezeichnet. Man geht zur FDA und arbeitet eine
Weile dort, bis man schließlich ein Jobangebot
eines Pharmaunternehmens erhÀlt.
Wenn dies der normale Gang der Dinge ist, dann
wird ein FDA-Mitarbeiter, der dabei ist, Kontakte
fĂŒr seine weitere Karriere zu knĂŒpfen, die
Pharmakonzerne wohl eher mit Samthandschuhen
anfassen. Dies alles geschah in den 90er Jahren. Die
FDA erhielt einen neuen Marschbefehl, und der
lautete: „Vereinfacht die Marktzulassung von
Medikamenten und seid nicht zu kritisch. Wenn ihr
eure Geldmittel, die jetzt von der Pharmaindustrie
kommen, nicht verlieren wollt, dann haltet euch an
diese Vorgabe.“
Street Spirit: Die Pharmakonzerne besitzen also die
enorme Macht, die Befunde von Arzneimittelstudien
zu frisieren und sich die beteiligten Wissenschaftler
und sogar die FDA gefĂŒgig zu machen?
RW: Der Handlungsspielraum der FDA wurde
Anfang der 90er Jahre drastisch eingeschrÀnkt, und
das Ergebnis sehen wir bei den Psychopharmaka.
Die FDA wurde vom Wachhund zum Schoßhund
der Pharmaindustrie. Dies ist der amerikanischen
Öffentlichkeit erst heute bewusst geworden. Jetzt
veröffentlicht Marcia Angell, die frĂŒhere
Chefredakteurin des New England Journal of
Medicine, ein Buch, in dem sie die FDA als
Schoßhund der Pharmaindustrie bezeichnet. Als
ehemalige Chefredakteurin der bedeutendsten
medizinischen Fachzeitschrift Amerikas ist Marcia
Angell eine wichtige Persönlichkeit in der
amerikanischen Medizin – und sie kam zu dem
Schluss, die FDA habe die Öffentlichkeit getĂ€uscht.
Wegen ihrer Kritik an der Pharmaindustrie hat sie
schließlich ihren Job beim New England Journal of
Medicine verloren. Ende der 90er Jahre war sie
Chefredakteurin dieser Zeitschrift und arbeitete mit
einem Arzt namens Thomas Bodenheimer
zusammen. Dieser hatte beschlossen, in einem
Artikel darauf hinzuweisen, dass man sich wegen
der zurechtredigierten Befunde medizinischer
Studien nicht einmal mehr auf medizinische
Fachzeitschriften verlassen könne. Die beiden
stellten also Nachforschungen darĂŒber an, wie die
Pharmaunternehmen die Forschung finanzieren und
die Befunde in ihrem Sinne fĂŒr die Öffentlichkeit
bearbeiten. Sie wiesen darauf hin, dass man aus
diesem Grunde nicht einmal mehr dem vertrauen
kann, was in wissenschaftlichen Zeitschriften zu
lesen ist und berichteten, dass es ihnen auf der
Suche nach einem Fachmann fĂŒr die Auswertung
wissenschaftlicher Veröffentlichungen ĂŒber
Antidepressiva nicht gelungen war, jemanden zu
finden, der kein Geld von der Pharmaindustrie
erhielt.
Das New England Journal of Medicine wiederum
8
wird von der Massachusetts Medical Society
herausgegeben, die noch eine Reihe weiterer
Zeitschriften in ihrem Programm hat und sich zum
großen Teil durch pharmazeutische Werbung
finanziert. Was geschah nun, als der Artikel von
Thomas Bodenheimer und Marcia Angell ĂŒber den
beklagenswerten Zustand der amerikanischen
Medizin erschienen war? Beide verloren ihren Job!
Sie wurde gefeuert, und Thomas Bodenheimer
ebenso. Denken Sie einmal darĂŒber nach: Die
fĂŒhrende medizinische Fachzeitschrift des Landes
entlÀsst Mitarbeiter, weil sie es gewagt haben, die
unlauteren Praktiken in der amerikanischen
Medizin zu kritisieren, die die wissenschaftliche
Literatur vergiften.
Wir haben so eine Arzneimittelzulassungsbehörde,
die das SchoßhĂŒndchen spielt und eine
medizinische Fachliteratur, der man nicht trauen
kann. Dies alles zeigt, dass die amerikanische
Öffentlichkeit belogen wurde, nichts ĂŒber die
Probleme mit diesen Medikamenten erfuhr und
nichts darĂŒber, warum diese Probleme geheim
gehalten wurden. Dies hat mit Geld zu tun, mit
Prestige und mit Beziehungen zu beiderseitigem
Nutzen.
Street Spirit: Es geht auch darum; Kritiker mundtot
zu machen. Eli Lilly benutzt die Medien, um die
Vorteile von Prozac anzupreisen, lockt Ärzte mit
allerlei Zuwendungen auf Konferenzen, wo ĂŒber die
VorzĂŒge des Medikaments berichtet wird, und kauft
ganz einfach die Forscher. Setzt die
Pharmaindustrie ihr Geld und ihre Macht nicht
auch dazu ein, Kritiker zum Schweigen zu bringen?
RW: Ein Beispiel dafĂŒr ist Dr. Joseph Glenmullen,
ein Psychiater, der auch fĂŒr die Harvard University
tÀtig ist und der unter dem Titel Prozac Backlash
(„Der Prozac-RĂŒckschlag“) ein Buch veröffentlicht
hat, in dem er vor den Gefahren von Prozac warnt.
Er hatte herausgefunden, dass dieses Medikament
in viel zu oft verschrieben werde und schwere
Nebenwirkungen habe. Er warf sogar Fragen nach
GedÀchtnisstörungen und anderen kognitiven
Problemen bei langfristiger Einnahme dieser
Arzneien auf. Prompt versuchte Eli Lilly, ihn mit
einer öffentlichen Kampagne zu diffamieren. Man
schickte Hinweise an die Medien, in denen seine
Zugehörigkeit zur Harvard Medical School (die
angesehenste medizinische FakultÀt der USA. Anm.
d. Übs.) infrage gestellt wurde usf. Es ging nur
darum, einen Kritiker mundtot zu machen.
Singt man das Lied der Pharmaindustrie, bekommt
man eine Menge Geld, um durch die Welt zu jetten
und ĂŒberall VortrĂ€ge ĂŒber die Wunderwirkungen
bestimmter Medikamente zu halten. Und die, die
sich diese VortrÀge anhören, ohne kritische Fragen
zu stellen, erhalten fĂŒr ihre Teilnahme an der
Informationsveranstaltung ein Gala-Diner und
vielleicht auch ein Honorar. Wenn man absahnen
will, so ist dies kein Problem. Man preist die
Wunderwirkungen des Medikaments in den
höchsten Tönen, verschweigt die scheußlichen
Nebenwirkungen und bekommt dann ein schönes
Honorar als Gastredner und Experte auf dem
Gebiet.
Gehört man jedoch zu denen, die fragen: „Und was
ist mit den Manien und den Psychosen?“ – dann
bringen sie dich zum Schweigen. David Healy ist
das beste Beispiel dafĂŒr. Als Wissenschaftler war er
in England hoch angesehen. Er hatte mehrere
BĂŒcher zur Geschichte der Psychopharmakologie
veröffentlicht und war so etwas wie der ehemalige
Vorsitzende der Psychopharmakologischen
Vereinigung. Schließlich bot ihm die UniversitĂ€t
Toronto die Stelle des Leiters der dortigen
psychiatrischen Abteilung an, eine Aufgabe, die er
gerne ĂŒbernommen hĂ€tte. Also flog er nach Toronto
und hielt einen Vortrag ĂŒber die erhöhte
Selbstmordgefahr unter Prozac und anderen SSRIAntidepressiva.
Als er nach Hause zurĂŒckkehrte,
hatte die UniversitÀt Toronto ihr Angebot
zurĂŒckgezogen.
Fließen Gelder von Eli Lilly an die UniversitĂ€t
Toronto? Aber natĂŒrlich. Die Antwort auf Ihre
Frage ist also: Ja, Eli Lilly macht Andersdenkende
mundtot.
Street Spirit: Was verbirgt sich hinter der
Geschichte von der heimlichen Einigung zwischen
Eli Lilly und den Überlebenden, die die
Pharmafirma verklagt hatten, nachdem Joseph
Wesbecker unter dem Einfluss von Prozac 20 ihrer
Kollegen erschossen hatte?
RW: Im Verlauf des Verfahrens gegen Eli Lilly
wollte der Richter Beweismaterial zulassen, das das
Fehlverhalten von Eli Lilly in einem anderen Fall
bezeugt hĂ€tte. Der Richter sagte: „In Ordnung,
legen Sie dieses Material vor.“ Und was geschah
dann? Die KlÀger hatten auf einmal kein Interesse
mehr daran, Beweise vorzulegen, die ihre Klage
gestĂŒtzt hĂ€tten. Der Richter fragte sich natĂŒrlich,
warum die KlÀger plötzlich ihr bestes Material nicht
mehr prÀsentieren wollten, und er roch den Braten.
Es dÀmmerte ihm, dass Eli Lilly sich heimlich mit
den KlÀgern geeinigt hatte, und dass ein Teil dieser
Übereinkunft darin bestand, das Verfahren zur
Farce zu machen, damit Eli Lilly von den
VorwĂŒrfen freigesprochen wĂŒrde. Dann hĂ€tte Eli
Lilly sagen können: „Nun ist bewiesen, dass unser
Medikament die Menschen nicht gewalttÀtig
macht!“ Und genau das war geschehen. Eli Lilly
hatte gemerkt, dass der Prozess praktisch schon
verloren war, und bot den KlÀgern darum eine
Menge Geld an. Die beiden Parteien einigten sich
auf diesem Weg, doch ließ man die KlĂ€ger das
Verfahren fortsetzen. Nun kann Eli Lilly öffentlich
verkĂŒnden, man habe den Prozess gewonnen und
damit sei bewiesen, dass Prozac nicht gefÀhrlich
sei.
9
Street Spirit: Wie ist das Ganze dann ans Tageslicht
gekommen?
RW: Man wĂŒsste bis heute nichts davon, wenn nicht
zwei Dinge geschehen wÀren. Zum einen, ob man
es glaubt oder nicht: Der Richter erhob Einspruch
gegen die Entscheidung seines eigenen Gerichts. Er
sagte: „Da stimmt etwas nicht.“ Er fand heraus,
dass es eine heimliche Einigung gegeben hatte und
dass das weitere Gerichtsverfahren eine reine Farce
gewesen war. Er nannte dies eine der schwersten
Verletzungen der IntegritÀt der Justiz, die er je
erlebt habe. Zum anderen veröffentlichte der
englische Journalist John Cornwell ein Buch mit
dem Titel Power to Harm: Mind, Medicine, and
Murder on Trial (“Die Macht, zu schĂ€digen:
Psyche, Medizin und ein Verfahren wegen Mord”).
Er schrieb ĂŒber diesen Fall, doch hörte man in
Amerika kaum etwas ĂŒber diese geheime Einigung
und die ganze Rechtsbeugung, die darauf folgte. Es
war ein englischer Journalist, der diese Geschichte
aufgedeckt hatte.
Was ich damit sagen will, ist Folgendes: Man
bringt Menschen wie Marcia Angell zum
Schweigen. Man biegt sich die wissenschaftliche
Forschung so hin, wie man sie haben will. Man
beugt das Recht. Man pervertiert das
Arzneimittelzulassungsverfahren der FDA. Überall
geht man so vor, und am Ende haben wir eine
Gesellschaft, die an diese Psychopharmaka glaubt.
Sie haben mich vor einer Weile gefragt, warum die
meisten Menschen immer noch von Prozac
ĂŒberzeugt sind. Einer der GrĂŒnde ist der, dass die
MĂ€r von dem Wundermittel weiterhin
aufrechterhalten wird. Sie wird öffentlich
weiterverbreitet, weil jede Kritik nach diesem
Schema zum Schweigen gebracht wird. Der andere
Grund ist der, dass es manchen Menschen unter
Prozac wirklich besser geht. Das stimmt einfach,
genauso, wie es anderen mit Placebos besser geht.
Und solche Berichte hört man dann immer wieder:
„Ich nehme Prozac, und jetzt geht es mir gut.“ Es
gibt ist diese spezielle Gruppe von Patienten. Ihre
Geschichten werden in der Öffentlichkeit verbreitet.
Aus diesen GrĂŒnden glauben die meisten
Menschen, trotz aller gegenteiligen Erkenntnisse,
die mittlerweile gewonnen und grĂ¶ĂŸtenteils
vertuscht wurden, weiterhin an die MĂ€r von den
Wundermitteln, die so sicher und
nebenwirkungsarm seien.
Teil 2: Antipsychotika
Street Spirit: Lassen Sie uns von Antidepressiva wie
Prozac nun ĂŒbergehen zu einer anderen Gruppe
angeblicher Wundermittel – den neuen
Antipsychotika. Sie schrieben einmal, dass der
Langzeitgebrauch von Antipsychotika – sowohl der
alten Neuroleptika wie Thorazin und Haldol als
auch der neueren Atypika wie Zyprexa und
Risperdal – pathologische HirnverĂ€nderungen
erzeuge, die zu einer Verschlimmerung der
Symptome von psychischer Krankheit fĂŒhren
können. Welche VerÀnderungen der Hirnchemie
werden von Antipsychotika verursacht, und wie
fĂŒhrt das zu dem am meisten beĂ€ngstigenden
Ergebnis, das Sie beschreiben – Verursachung
chronischer psychischer Erkrankungen durch diese
Mittel selbst?
RW: Dies ist ein Leitfaden, dem man ĂŒber einen
Zeitraum von etwa 40 Jahren nachgehen kann. Das
Problem der Chronifizierung von psychischen
Erkrankungen kann man von Zeit zu Zeit immer
wieder in der Forschungsliteratur finden. Der
biologische Mechanismus wird inzwischen recht
gut verstanden. Die Antipsychotika blockieren sehr
wirksam 70-90 Prozent der Dopamin-Rezeptoren
im Gehirn. Als Antwort darauf erzeugt das Gehirn
um die 50 Prozent zusÀtzliche Dopamin-
Rezeptoren. Es versucht, besonders empfindlich zu
werden.
Im Ergebnis haben Sie so ein Ungleichgewicht des
Dopaminsystems im Gehirn. Das ist etwa so, als ob
Sie aufs Gaspedal treten – so wirken sich die
zusÀtzlichen Dopamin-Rezeptoren aus - und
gleichzeitig auf die Bremse, was der blockenden
Wirkung der Medikamente entspricht. Wenn man
die Bremse nun loslÀsst, indem man die
Medikamente abrupt absetzt, so hat man ein
ĂŒberaktives Dopaminsystem, man hat zu viele
Dopamin-Rezeptoren. Und was passiert?
Menschen, die die Medikamente plötzlich absetzen,
bekommen ernste RĂŒckfĂ€lle.
Street Spirit: Stimmt es, dass Menschen, die mit
diesen Antipsychotika behandelt wurden, zu einer
erheblich höheren RĂŒckfallquote neigen? Haben sie
hÀufiger neue seelische Krisen im Vergleich zu
Menschen, die anders und ohne solche
Medikamente behandelt wurden?
RW: Ja, unbedingt, und man wusste seit 1979, dass
man damit tatsÀchlich die zugrundeliegende
biologische VulnerabilitĂ€t fĂŒr Psychosen
vergrĂ¶ĂŸerte. BeilĂ€ufig entdeckte man dabei noch,
dass man psychotische Symptome auch mit
Amphetaminen auslösen kann, wenn man am
Dopaminsystem herumpfuscht. Wenn Sie also
jemandem genug Amphetamine geben, so steigern
Sie sein Psychoserisiko. Das ist allgemein bekannt.
Und was machen Amphetamine? Sie setzen
Dopamin frei. Es gibt also eine biologische
ErklĂ€rung dafĂŒr, dass das Psychoserisiko ansteigt,
wenn man am Dopaminsystem herumpfuscht. Das
ist die Quintessenz dessen, was Antipsychotika
machen: Sie stören das Dopaminsystem.
10
Es gibt eine sehr aussagekrÀftige Studie dazu:
Forscher der UniversitÀt Pittsburg untersuchten in
den 90er Jahren Menschen, denen gerade neu eine
Schizophrenie diagnostiziert wurde. Sie begannen
damit, dass sie MRI-Bilder der Gehirne dieser
Menschen machten. So haben wir ein Bild der
Gehirne dieser Menschen zu Beginn der Diagnose.
Danach machten sie weitere Aufnahmen in den
folgenden 18 Monaten, um zu sehen, wie sich diese
Gehirne verÀnderten. WÀhrend dieser Zeit bekamen
sie Antipsychotika verschrieben, und was fanden
die Forscher heraus? Sie berichten, dass die
Medikamente wÀhrend dieser 18 Monate eine
VergrĂ¶ĂŸerung der basalen Ganglien erzeugten, eine
Hirnregion, die mit Dopamin arbeitet. Mit anderen
Worten, sie erzeugen eine sichtbare VerÀnderung
der Morphologie, eine VerĂ€nderung der GrĂ¶ĂŸe einer
Hirnregion, die anomal ist. Das ist das eine. Wir
haben ein Antipsychotikum, das eine Hirnanomalie
verursacht.
Jetzt kommt aber der KnĂŒller. Man fand heraus,
dass sich wĂ€hrend dieser VergrĂ¶ĂŸerung eine
Verschlimmerung der Negativ-Symptome zeigte.
Wir haben also ein mit modernster Technologie
ermitteltes aussagekrÀftiges Ergebnis. Durch Fotos
vom Gehirn ist dokumentiert, wie ein von außen
zugefĂŒhrtes Agens die normale Chemie ruiniert,
eine anomale VergrĂ¶ĂŸerung der basalen Ganglien
verursacht, und diese VergrĂ¶ĂŸerung wiederum
verschlimmert die Symptome, die man zu
behandeln glaubte. Nun, das ist genau die
Geschichte eines pathologischen Vorgangs, ein
Ă€ußeres Agens verursacht Anomalie, verursacht
Symptome...
Street Spirit: Das Ă€ußere Agens, das den
Krankheitsprozess verstÀrkt, ist aber doch das
angebliche Heilmittel fĂŒr die Krankheit!
Genaugenommen ist doch dann das psychiatrische
Medikament das krankmachende Agens.
RW: Genauso ist es. Das ist ein erstaunliches,
niederschmetterndes Ergebnis. Es ist die Art von
Resultat, bei dem man ausrufen möchte: "Lieber
Gott, wir mĂŒssen anders an die Sache herangehen.“
Wissen Sie, wofĂŒr diese Forscher neue Fördermittel
bekamen, nachdem sie dies herausgefunden hatten?
Street Spirit: Nein, keine Ahnung. Nun ja, man
könnte vielleicht vorschlagen, diese Art Studien auf
andere psychiatrische Medikamente auszuweiten.
RW: Sie bekamen Fördermittel, um ein Implantat
zu entwickeln, ein Gehirnimplantat, das
Medikamente wie Haldol kontinuierlich ins Gehirn
abgibt! Einen Auftrag, ein Medikamente lieferndes
Implantat zu entwickeln, das man Menschen mit
Schizophrenie einsetzen kann. Die hÀtten dann
nicht mehr die Möglichkeit, die
Medikamenteneinnahme abzulehnen!
Street Spirit: Unglaublich. Herstellung eines
Implantats, das eine konstante Dosis eines Mittels
abgibt, das man gerade als Verursacher einer
Pathologie der Hirnchemie erkannt hatte?
RW: Genau. Gerade hatten sie herausgefunden, dass
es die Symptome verschlimmert hatte! Also, warum
wollen Sie dann fortfahren und ein Dauerimplantat
entwickeln? DafĂŒr gab es eben Geld. Und niemand
wollte sich mehr mit diesem schrecklichen Befund
auseinandersetzen, dass sich die basalen Ganglien
aufgrund der Medikation vergrĂ¶ĂŸerten und eine
Verschlimmerung der Symptome damit einhergeht.
Niemand wollte sich mit der Tatsache abgeben,
dass man, wenn man Menschen mit Antipsychotika
behandelt, eine beginnende Schrumpfung der
Frontallappen beobachten kann. Niemand wollte
mehr darĂŒber reden. Sie stoppten diese Forschung.
Street Spirit: Welche anderen Nebenwirkungen
entstehen bei lÀngerer Einnahme von
Antipsychotika?
RW: Oh, Sie bekommen Bewegungsstörungen, eine
andauernde Fehlfunktion des Gehirns, und
Akathisia, was eine unglaubliche nervöse Unruhe
bedeutet. Du fĂŒhlst dich einfach nie mehr gut. Du
möchtest dich hinsetzen, aber du kannst nicht sitzen
bleiben. Es ist, als ob du aus deiner eigenen Haut
herauskriechen willst. Und das Ganze ist verbunden
mit Schmerzen, AggressivitÀt, Selbstmordgedanken
und allen möglichen anderen schrecklichen Dingen.
Street Spirit: Diese Arten von Nebenwirkungen
werden typischerweise mit der ersten Generation
der Antipsychotika verknĂŒpft wie Thorazin, Haldol
und Stelazin. Aber genauso wie bei Prozac fĂŒhlen
sich viele Menschen hingezogen zu einer neuen
Generation mit wunderbaren Eigenschaften, den
Atypika – Zyprexa, Clorazil und Risperdal, die
seelische Störungen bei erheblich weniger
Nebenwirkungen kontrollierbar machen sollen.
Stimmt das? Was haben sie dazu herausgefunden?
RW: Nein, das ist völliger Unsinn. Ich glaube
sogar, dass die neueren Mittel im Vergleich mit den
alten vielleicht als noch gefÀhrlicher angesehen
werden mĂŒssen, wenn das ĂŒberhaupt möglich ist.
Wie man weiß, lösten die ĂŒblichen Neuroleptika
wie Thorazin und Haldol eine ganze Reihe von
SchÀdigungen aus wie die Bewegungsstörungen
usw. Wenn wir die neuen Atypika bekÀmen, so sei
das also bedeutend sicherer, hieß es. Mit den neuen
Atypika bekommt man nun aber alle möglichen
anderen Stoffwechselstörungen.
11
Reden wir nur mal ĂŒber Zyprexa. Es hat ein anderes
Profil. So mag es sein, dass es weniger
Bewegungsstörungen macht. Es mag sein, dass es
auch weniger Parkinson-Symptome verursacht.
DafĂŒr verursacht es eine ganze Reihe neuer
Symptome. Z.B. vergrĂ¶ĂŸert es das Diabetes-Risiko,
es verschlimmert Störungen der BauchspeicheldrĂŒsenfunktion.
Es kann zu Fettleibigkeit und zu
Essstörungen fĂŒhren.
TatsÀchlich berichteten Forscher aus Irland im
Jahre 2003, dass sich seit der EinfĂŒhrung der
Atypika die Sterberate bei Menschen mit
Schizophrenie verdoppelt habe. Sie verglichen die
Sterberate von Menschen, die mit den alten
Neuroleptika behandelt wurden, mit der bei
Menschen, die die neuen bekommen hatten, und sie
war doppelt so hoch. Doppelt so hoch! Die SchÀden
sind also nicht geringer geworden. TatsÀchlich
starben in ihrer Studie 25 von 72 Patienten.
Street Spirit: Welche Ursachen gab es fĂŒr die
SterbefÀlle?
RW: Alle möglichen physiologischen Erkrankungen
und das ist ein wichtiger Aspekt. Man hat
Menschen mit Atemproblemen, Menschen mit
einem unglaublich hohen Cholesterin-Spiegel, mit
Herzproblemen, Diabetes. Mit Zyprexa bedroht
man tatsÀchlich den Kern gesunder
Stoffwechselfunktionen. Darum die enorme
Gewichtszunahme, deshalb bekommt man
Diabetes. Zyprexa zerstört die Grundfunktionen des
Apparates, der die Nahrung verarbeitet und daraus
Energie gewinnt. Diese Grundfunktion des
menschlichen Körpers wird geschÀdigt. Man
versteht, warum es die Pankreas-Probleme gibt, die
Fehlregulation des Glucosespiegels, Diabetes usw.
Es ist ein klares Zeichen dafĂŒr, dass man an sehr
elementaren Lebensfunktionen herumpfuscht.
Street Spirit: Man sagt, es gebe einen
alarmierenden Anstieg der Diagnosen psychischer
Störungen bei Kindern. Millionen diagnostiziert
man eine Depression, bipolare oder psychotische
Symptome, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und
soziale Phobien. Ist dieser explosionsartige Anstieg
von psychischen Erkrankungen unter Kindern ein
tatsÀchlicher oder handelt es sich um eine
Marketingkampagne der Pharmaindustrie, die eine
Goldgrube fĂŒr die Pharmafirmen schafft?
RW: Sie berĂŒhren damit einen Skandal, eine
Tragödie grĂ¶ĂŸten Ausmaßes. Ich spreche manchmal
vor Schulklassen im Psychologieunterricht. Sie
können sich kaum vorstellen, wie vielen jungen
Leuten man als Kindern erzÀhlt hat, dass sie
psychisch krank seien, dass etwas mit ihnen nicht
stimme. Es ist einfach phÀnomenal. Es ist absolut
schrecklich, Kindern zu erzÀhlen, dass sie einen
Gehirnschaden haben und eine seelische Krankheit.
Hier geschieht zweierlei. Zum einen ist das
natĂŒrlich kompletter Unsinn. Wenn Sie sich an ihre
Kindheit erinnern, so wissen Sie, dass Sie als Kind
sehr viel Energie haben, Sie benehmen sich
gelegentlich in unĂŒblicher Weise und Sie haben
extreme emotionale Schwankungen, besonders im
Teenageralter. Kinder und Teenager können sehr
emotional sein. Man geht also hin, betrachtet
kindliches Verhalten und fĂ€ngt an, unerwĂŒnschtes
Verhalten als krank zu definieren. Man definiert
zunĂ€chst unangenehme GefĂŒhle als pathologisch.
Das ist ein Aspekt ihres Tuns, sie pathologisieren
die Kindheit mit durchsichtigem
DefinitionsgeschwÀtz. Wir pathologisieren die
SchwÀchen unserer Kinder.
Nehmen wir mal ein Pflegekind, das vielleicht ein
schlechtes Los in der Lotterie des Lebens gezogen
hat. Es wird in ungĂŒnstige FamilienverhĂ€ltnisse
hineingeboren und wÀchst nun in einem Pflegeheim
auf. Haben Sie eine Vorstellung davon, was das
heutzutage bedeutet?
Es kann sehr schnell darauf hinauslaufen, dass es
eine psychische Krankheit diagnostiziert bekommt,
und es wird dann auf ein psychiatrisches
Medikament gesetzt. 60-70 Prozent der Heimkinder
in Massachusetts sind auf psychiatrische
Medikamente gesetzt. Diese Kinder sind nicht
psychisch krank! Sie wurden schlecht behandelt,
landen in einem FĂŒrsorgeheim, was nichts anderes
bedeutet, als dass sie in schwierigen familiÀren
VerhÀltnissen lebten, und was macht unsere
Gesellschaft? Sie sagt: „Ihr habt einen
Hirnschaden.“ Es liegt nicht daran, dass die
Gesellschaft schlecht ist und du keine faire Chance
bekommst. Nein, nein, das Kind hat einen defektes
Gehirn und muss auf Medikamente gesetzt werden.
Das ist absolut kriminell.
Lassen Sie uns ĂŒber bipolare Störungen bei Kindern
reden. Ein Arzt sagt z.B., dass das sehr selten
vorkommt, so selten, dass es so gut wie keine Rolle
spielt. Aber erst jetzt ĂŒbersehen wir die Sache.
Bipolare Störungen explodieren regelrecht unter
Kindern. Gut, in gewisser Weise kann man sagen,
dass wir das öfters als Kinderei abgetan haben; aber
da tut sich tatsÀchlich etwas. Ich will Ihnen sagen,
was da geschieht: Sie nehmen Kinder und setzen sie
auf Antidepressiva – was wir noch nie gemacht
haben – oder Sie setzen sie auf ein Stimulansmittel
wie Ritalin. Stimulantia können Manien
verursachen; Stimulantia können Psychosen
verursachen.
Street Spirit: Und wie Sie gezeigt haben, können
Antidepressiva ebenfalls Manien auslösen.
RW: Genau, so lÀuft es auf eine medikamenteninduzierte
Manie oder Psychose bei Kindern
12
hinaus. Haben Sie schon mal gehört, dass ein Arzt
im Notfallraum sagt, "Oh, er leidet an einer
medikamenteninduzierten Episode.“? Nein, er sagt,
er sei bipolar.
Street Spirit: Dann gibt man ihm ein neues
Medikament gegen eine psychische Krankheit, die
von dem ersten Medikament verursacht wurde...
RW: Ja, man gibt ihm ein Antipsychotikum; und ab
sofort ist er auf einem Cocktail von Medikamenten
und auf dem Weg zu einer lebenslangen
Behinderung. Ein sicherer Weg, Kinder krank zu
machen.
Street Spirit: Es ist so, als wenn die Gesellschaft
oder ihre Schulen versuchen die Kinder zu
managen/sie manipulierbar zu machen, und es
endet damit, dass man sie gegen ihre Willen auf
ein schaukelndes chemisches KĂŒstenboot setzt...
RW: Genauso ist es.
Street Spirit: Es gibt eine erstaunlich große Zahl
von Kindern, denen man Ritalin gibt, um
ÜberaktivitĂ€t zu heilen. Aber welcher 10-jahre alte
Junge in einer bedrĂŒckenden SchulatmosphĂ€re ist
nicht hyperaktiv? Sie schreiben, dass sich Ritalin
auf das Dopaminsystem Àhnlich auswirkt wie
Kokain und Amphetamine.
RW: Ritalin (Methylphenidat) beeinflusst das
Gehirn in exakt derselben Weise wie Kokain. Beide
blockieren sie ein MolekĂŒl, das an der
Wiederaufnahme von Dopamin beteiligt ist.
Street Spirit: Steigern also beide den
Dopaminspiegel im Gehirn?
RW: Genau, und sie tun es mit einer vergleichbaren
Wirksamkeit. Methylphenidat ist Kokain recht
Ă€hnlich. Nun ja, einen Unterschied macht es, ob
man es schnieft oder ob es in Pillen enthalten ist.
Das wirkt sich z.T. darauf aus, wie schnell es
abgebaut wird. Aber trotzdem beeinflusst es das
Gehirn in der gleichen Weise. Methylphenidat
wurde in Forschungsstudien verwendet, um
allmÀhlich Psychosen bei Schizophrenen
anzuregen. Gibt man Methylphenidat einer Person
mit der Neigung zu Psychosen, dann wird sie
psychotisch. Das wusste man. Wir wissen auch,
dass Amphetamine wie Methylphenidat Menschen
psychotisch machen können, die vorher noch nie
psychotisch waren.
Lassen Sie sich das mal durch den Kopf gehen. Wir
geben Kindern ein Medikament, von dem man
weiß, dass es Psychosen auslösen kann. Und ein
besonders wichtiger Punkt ist, dass Methylphenidat
und Amphetamine bei Kindern eine unerwartete
Wirkung machen. Was macht Speed mit
Erwachsenen? Es macht sie nervös und hyperaktiv.
Warum auch immer: Amphetamine beruhigen also
die Bewegungen von Kindern; sie halten sie auf
ihren StĂŒhlen und machen sie konzentrierter. Sehen
wir uns mal Kinder in langweiligen Schulen an. Die
Jungen passen nicht auf, kriegen die Diagnose
ADHD und werden auf ein Medikament gesetzt,
von dem man weiß, dass es psychotisch macht.
Außerdem weiß man, dass eine ganze Reihe von
Kindern sich mit 15, 16, 17 nicht unbedingt
konform verhalten. Einige Kinder berichteten uns,
dass sie sich unter diesen Medikamenten wie
Zombies fĂŒhlen. Sie spĂŒren sich selbst nicht mehr.
Street Spirit: Innerlich leer, abgestumpfte GefĂŒhle...
und das tut man Millionen von Kindern an?
RW: Millionen von Kindern! Man bedenke, was wir
da machen. Wir rauben den Kindern ihr Recht
Kinder zu sein, ihr Recht zu wachsen, ihr Recht
Erfahrungen mit ihrem ganzen Spektrum von
GefĂŒhlen zu machen, ihr Recht, die Welt in der
FĂŒlle ihrer Farbtöne zu erfahren. Nichts anderes
bedeutet es heranzuwachsen, lebendig zu sein! Wir
rauben Kindern ihr Existenzrecht. Das ist absolut
kriminell. Wir sprechen ĂŒber Millionen von
Kindern, mit denen man in dieser Weise verfÀhrt.
Es gibt Schulen, in denen 40-50 Prozent der Kinder
mit einer psychiatrischen Verschreibung
ankommen.
Street Spirit: Das sieht nach einem riesigen
sozialen Kontrollmechanismus aus. Die
Gesellschaft gibt Kindern Ritalin und
Antidepressiva, um sie zu unterwerfen und
anzupassen. Einerseits geht es also um soziale
Kontrolle und KonformitÀt. Andererseits bringt es
einen riesigen kommerziellen Gewinn.
RW: Damit haben sie Recht, man schafft so
Konsumenten fĂŒr Medikamente, hofft auf
lebenslange Konsumenten. Sagt man ihnen das?
Man sagt ihnen, dass sie ein Lebenlang
Medikamente brauchen. Und dann weiß man, dass
sie auf zwei oder drei davon angewiesen sind. Aus
kapitalistischer Sicht eine brilliante Idee. Sie dient
einer gewissen sozialen Kontrolle, und man hat
Kinder, aus denen man – so kann man hoffen -
lebenslange Konsumenten macht. Eine glÀnzende
Idee.
Wir geben inzwischen mehr Geld fĂŒr
Antidepressiva aus als es dem Gros des
Nationaleinkommens mittelgroßer Staaten wie z.B.
Jordanien entspricht. Das sind ganz hĂŒbsche
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