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zutritt auf eigene gefahr

 

tante elli

permanenter Link von howl am 08.01.2012 16:43

schon lange vor weihnachten und seitdem immer mal wieder hatte j.j. seiner mutter angeboten, mal samstags mit uns eine shopping-tour durch koeln zu machen, da sie selten gelegenheit hat, aus den heimatlichen dorfgefilden rauszukommen.
dieses wochenende war es schliesslich so weit. allerdings brachte sie wie befuerchtet auch noch tante elli mit.

tante elli ist eigentlich j.j.s grosstante, eine ruestige endsiebzigerin, die ledig und kinderlos nun zu den „uebrig gebliebenen“ aelteren leuten gehoert, die dann teil eines entfernteren familienzweigs werden.
laut j.j. hat sie bei ihm erst vor wenigen jahren mit dem wangenkneifen zur begruessung aufgehoert und ist zu feuchten kuessen uebergegangen.

„wann holen wir die damen denn vom bahnhof ab?“ fragte ich j.j., der beim fruehstueck ziemlich rumtroedelte.
„die kommen nicht mit der bahn“, sagte er seufzend, „papa hat sich breitschlagen lassen, sie zu fahren.“
„achso, dann kommen die hierher?“
„bist du verrueckt? wenn tante elli erstmal sitzt, trinken wir „kaeffchen“ bis wir schwarz werden und muessen sie am ende mit waffengewalt rauswerfen“, wehrte j.j. ab. „wir treffen uns am parkhaus.“
„dann geht dein vater also auch mit?“
„nein. wahrscheinlich bleibt der im auto sitzen.“
„du verarscht mich?“
„hast du ‚ne ahnung.“

offensichtlich lief also die chose ganz und gar nicht so, wie j.j. sie sich vorgestellt hatte. obwohl er zuvor scherze darueber gemacht hatte, dass tante elli sich seiner mutter anschliessen wuerde, hatte er anscheinend nicht wirklich damit gerechnet.
auf dem weg zum treffpunkt seufzte er noch einige male, was auch meiner vorfreude, tante elli kennen zu lernen, einen daempfer verpasste.

wir waren puenktlich, aber die damen waren puenktlicher und standen schon im regen am ausgang des parkhauses, als wir kamen.
j.j.s mutter hatte ich schon im vergangenen jahr kennen gelernt, war aber froh ueber ihre mir hingehaltene hand, die mir ein nachgruebeln ueber die passende begruessungsmethode ersparte. sie laechelte mich freundlich an, wobei mir erneut die frappierende aehnlichkeit mit j.j. auffiel und uebernahm es, mich tante elli vorzustellen:
„elli, das ist herr lai“, sagte sie, „der bekannte von juergen.“
j.j. verdrehte die augen, wobei ich nicht sicher war, ob das dem „herrn“ galt, meinem falsch ausgesprochenen vornamen, dem „bekannten“ oder seinem taufnamen. vermutlich allem zusammen.
er korrigierte allerdings nur den namen.

tante elli, die ich mir klein und rundlich vorgestellt hatte, die aber eher das gegenteil davon war, griff sich erstmal j.j. selbst, kuesste ihn auf die wange und sagte dann zu seiner mutter:
„gut sieht er aus.“
„ja, und gross isser geworden, ne?“ neckte j.j. sie und mir daemmerte allmaehlich, dass die beiden sich wesentlich besser verstanden, als er mich hatte glauben machen.
tante elli lachte und knuffte ihn ein bisschen. dann begruesste sie mich freundlich mit einem exquisiten schraubstockhaendedruck.

„wieso steht ihr denn draussen im regen?“ fragte j.j. als wir uns auf den weg in die fussgaengerzone machten, „ihr haettet doch im eingang warten koennen.“
„elli musste erstmal eine rauchen“, erklaerte seine mutter und die tante wurde mir zunehmend sympathischer.
„und papa?“ wollte j.j. wissen.
„der ist zuhause. der wollte den garten aufraeumen.“
„wie jetzt?“ fragte j.j. verbluefft, „bist du selbst gefahren?“
„elli ist gefahren.“
„du liebe zeit“, murmelte j.j.
„es ist ja nicht glatt“, beruhigte ihn seine mutter, „und wir sind auch nicht schnell gefahren.“

tante elli hatte derweil eine schachtel davidoff aus der handtasche gekramt. sie klopfte eine zigarette aus der box, brach den filter ab, steckte ihn in die jackentasche und schob sich die kippe in den mundwinkel.
j.j. gab ihr feuer und ich notierte mir im kopf, dass ich ihn unbedingt spaeter danach fragen musste, was es mit den filtern auf sich hat.

wir bummelten eine weile nur so durch die fussgaengerzone und j.j. wollte wissen, was die damen denn auf ihrer wunschliste hatten, um vorschlaege machen zu koennen, wo wir am besten mit dem shoppen beginnen sollten.

„dein vater braucht noch neue unterwaesche“, sagte j.j.s mutter, „die war mir vor weihnachten zu teuer und er traegt doch nur baumwolle.“
„unterwaesche“, wiederholte j.j. stoisch, „sonst noch was?“
„ja fuer den tisch im esszimmer haette ich gern noch eine richtige decke. die gibt es doch bestimmt auch im angebot jetzt.“
„eine tischdecke“, wiederholte j.j. erneut. „moechtest du nicht vielleicht fuer DICH was kaufen?“ schlug er dann vor.
„ach“, wehrte mutti ab, „ich brauch doch nichts. ich bin ja doch meistens zu hause.“
„uuuh, mama“, sagte j.j., „jetzt goenn dir doch auch mal was, wenn du schon mal hier bist. ‚ne tischdecke und unterwaesche kriegst du doch auch bei euch.“

wir beliessen es zunaechst dabei und j.j. lotste uns zu karstadt, um einen anlaufpunkt zu haben.

waehrend seine mutter am grabbeltisch noch socken fuer ihren mann suchte, sah tante elli sich nebenan in der muetzen- und hueteabteilung um.
„halt mal“, sagte sie zu mir, da ich offenbar eh nur doof in der gegend rumstand, und drueckte mir ihre tasche in die hand. dann griff sie sich eine art schlapphut vom staender und platzierte ihn ohne ruecksicht auf verluste auf ihrem kunstvoll ondulierten haupthaar. ich deutete auf einen spiegel, als sie sich suchend umschaute und sie studierte eingehend ihr antlitz mit der neuen kopfbedeckung.
nach einer weile lachte sie schallend und nahm den hut wieder ab.

aufmerksam geworden schauten j.j. und seine mutter nach dem rechten und mutti schalt:
„EL-li, was hast du denn mit deinen HAAREN gemacht?“
in der tat hatte die hutprobe der zum kokon gespruehten haarpracht keinen gefallen getan, aber das schien tante elli wenig auszumachen.

j.j. hatte unterdessen selbst eine art kapotthut fuer aeltere damen aus dem angebot geangelt und sich aufgesetzt.
„wie ist der?“ fragte er seine mutter, die ein bisschen verlegen wurde, aber auch laecheln musste.
tante elli und j.j. begannen sich gegenseitig mit zunehmend bizarrer werdenden hueten und muetzen zu versehen und schliesslich setzte sogar mutti eine verwegene baseballkappe auf und liess sich von j.j. mit dem handy fotografieren.

tante elli erstand am ende tatsaechlich eine art baskenmuetze und behielt sie gleich auf, da ihre frisur sowieso hinueber war und j.j.s mutter liess sich nach langem zureden von ihrem sohn einen eleganten schal kaufen, den sie wie eine stola ueber die schultern drapierte.
auf diese weise ausstaffiert gingen die beiden damen bereitwillig mit uns zum mittagessen, obwohl j.j. in einem „viel zu teuren“ restaurant einen tisch reserviert hatte.

da tante elli sich ja als durchaus humorvoll entpuppt hatte, traute ich mich beim essen selbst zu fragen, was sie denn mit den abgebrochenen zigarettenfiltern mache.
„die nehme ich fuer die pfeife“, erklaerte sie mir.

ich kann’s mir lebhaft vorstellen.